87 Com Werner Stürenburg Original Fine Art Originalkunst, Oeuvre Werkschau joe

180 cm - 71 inch
Werkgröße » 38x28 cm (15x12")
Referenzfigur 180 cm


Werknummer
» 87
Abmessungen
» Kommentar
» 38x28 cm (15x12")
Öl / Nessel
16.01.1974

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Vor dem Original hat man den Eindruck, als sei dieses Bild auf ungrundierten Stoff gemalt worden. Wie sie schaut! Dies ist wohl das erste Bild mit einem Ohrring; später kommen Ohrringe sogar bei Männern vor, was damals völlig undenkbar und nur von Rembrandt-Gemälden oder Seemannsbildern bekannt war. *

Nach all den Experimenten nun wieder ein Bild, das relativ naturalistisch aussieht. Die Proportionen stimmen einigermaßen, die Behandlung von Augen, Nase, Mund, Ohr, Haaren, Haut kommt dem Augeneindruck relativ nahe. Die erlaubten Freiheiten entsprechen den Konventionen summarisch arbeitender Maler, von denen mit » Frans Hals schon ein Vorläufer von » Rembrandt genannt werden kann - die Abkehr vom fotografischen Augentäuschen ist so alt wie die menschliche Kunst überhaupt. Das Auge transponiert gewissermaßen und ergänzt, es versteht schon, was gemeint ist, das Vergnügen ist dadurch sogar größer. Deshalb kann auch ein sehr grob angelegtes Bild als getreue Wiedergabe der Natur verstanden werden.

In diesem Sinne wird hier Natur wiedergegeben, eine erfundene Natur natürlich, denn ich habe dieses Bild wie alle anderen auch spontan und ohne Vorlage gemalt. Es ist deshalb auch kein Portrait, obwohl es eins sein könnte.

  Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
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Die junge Frau schaut zwar geradeaus nach vorne, blickt den Betrachter aber nicht an. Sie schaut gewissermaßen durch ihn hindurch und zugleich in sich hinein. Der Mund ist extrem asymmetrisch und verrät eine sensible Persönlichkeit, die über ein reiches Gefühlsleben verfügt. Die extreme Nahsicht, die noch nicht einmal Raum für den gesamten Kopf bietet, erzeugt eine intime Atmosphäre. Man kommt der Frau also sehr nahe.

Das Ohr ist merkwürdig nach vorn geklappt, aber das fällt gar nicht weiter auf. Vielleicht interpretiert das Auge diese Stellung durch die dahinter zurückgeschobenen, kräftigen Haare. Das ganze Bild ist als Grisaille ausgeführt, wobei hier aber nicht Graumalerei gemeint ist, sondern Ockermalerei. Nur der Ohrring ist mit Weiß ausgeführt. Ansonsten schimmert einfach der weiße Malgrund hindurch. An vielen Stellen kann man die einzelnen Pinselstriche noch sehen; so ist beispielsweise das Haar sehr glaubhaft und frisch ausgeführt. Ein besonderes Kunststück ist der Ohrring, der aus einem einzigen Pinselstrich zu bestehen scheint

Dieses kleine Bild ist erstaunlich präsent und wirkt auch über große Entfernungen, wie ein kleines Experiment sehr augenfällig macht:



No. 2 » 200 126x153cm, 08.10.1974 » 81 52x41cm, 05.01.1974 » 87 38x28cm, 16.01.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 2 » 200 126x153cm, 08.10.1974 » 81 52x41cm, 05.01.1974 » 87 38x28cm, 16.01.1974
 


Was will dieses Bild mir sagen? Kann man sich vorstellen, wie verwirrt ich war? Wollte ich mir beweisen, dass ich immer noch realistisch arbeiten kann? War mir nach Sentimentalität zumute? Auf jeden Fall habe ich hier der Buntheit abgeschworen. Schon allein durch die Farbgebung wirkt alles wie gedämpft. Die emotionale Nähe ist aber etwas Neues. Die beiden vorherigen Bilder waren ja gerade durch ihre Distanziertheit aufgefallen. Die Farben waren wohl schreiend, die Botschaft aber stumm.

Dieses Bild spricht. Hier ist ein Mensch, der Liebe braucht, Nähe, Angenommensein. In diesem Zusammenhang ist der Ohrring vielleicht von Bedeutung. Zwar nimmt die junge Frau mit den Betrachter keinen Kontakt auf, aber der Ohrring ist doch nicht für sie da, sondern für andere, er ist ein Signal, ein Lockobjekt. Sie sucht jemanden, für den sie da sein kann und der für sie da ist. Hier wird nicht die äußere Hülle gezeigt, die Persona, das was jemand gesellschaftlich darstellen möchte, sondern der Kern der Persönlichkeit, das worauf es ankommt, das nackte Innere, die ungeschützte empfindliche Seele.

Aber warum male ich dieses Bild? Ist das meine Seele?

Noch ein Test:
Hält sich das Bild auch mit starkfarbigen Gemälde dieser Größenordnung?


No. 3 » 395 130x162cm, 02.10.1983  » 25 54x45cm, 05.10.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 3 » 395 130x162cm, 02.10.1983 sold/verkauft » 25 54x45cm, 05.10.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974
 


Kein Problem. Mir wird nur ganz merkwürdig zu Mute, wenn ich daran denke, dass ich irgendwann mal auch zu  Nummer 395 etwas schreiben möchte. Im Moment habe ich keine Ahnung, aber vielleicht werde ich bis dahin ja noch eine Menge herausgefunden haben, Schritt für Schritt.

Ich konnte es aber nicht lassen und musste noch weiterexperimentieren:



No. 4 » 395 130x162cm, 02.10.1983  » 21 50x40cm, 24.09.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 4 » 395 130x162cm, 02.10.1983 sold/verkauft » 21 50x40cm, 24.09.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974
 


Jetzt gewinnt  Nummer 21 die Oberhand - daneben wirkt 87 eigentümlich blass und sogar 395 kann sich nicht behaupten. Merkwürdig, da ich dieses Bild eigentlich nicht so schätze.

Aber der Eindruck ist nicht vorübergehend:
Bei jedem erneuten Anblick fällt der Blick sofort und als erstes auf 21. Liegt das wohl daran, dass dieses Bild sich am meisten am Augenschein orientiert? Oder sind es die vergleichsweise größten Kontraste?

Hm, die Sache ist interessant. Ich kann ja nochmal umhängen - dabei kommt mir jetzt zugute, dass ich eine Auswahl nach Größe (exakt oder mit verschiedenen Toleranzen) vornehmen kann. Sehr bequem!


No. 5 » 140 123x150cm, 18.04.1974 » 21 50x40cm, 24.09.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 5 » 140 123x150cm, 18.04.1974 » 21 50x40cm, 24.09.1973 » 87 38x28cm, 16.01.1974
 


Auch interessant! Immer noch behauptet sich 21 sehr gut, aber auch  Nummer 140 ist nicht so übel, wie ich dachte. Beim Testen habe ich wieder einen Blick auf 87 allein geworfen - das ist schon ein Erlebnis, und ich tue dem Bild vielleicht unrecht, wenn ich es mit solchem Kaliber vergleiche. Außerdem leidet das Bild bei der Verkleinerung dieser Größenordnung; sie sieht aus, als hätte sie eine Maske auf.

Dieses Bild lässt mir keine Ruhe. Die Asymmetrie des Gesichts wird nicht nur beim Mund deutlich, sondern auch an der Kinnlinie. Also habe ich das Gesicht kurzerhand zerschnitten und die beiden Hälften gespiegelt und wieder zusammengesetzt:



© Copyright Werner Popken. 
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Mit einer solchen Manipulation bekommt man natürlich Monster; natürliche Gesichter sind eben asymmetrisch. Auf die Weise werden aber die unterschiedlichen Signale, die von diesem Gesicht ausgehen, deutlicher. Links ist die Person zuversichtlicher und stärker, rechts zögerlicher und ängstlicher, links erdverbundener und derber, rechts zarter und verletzlicher. Die Mischung ist natürlich viel liebenswerter und interessanter, rätselhafter und anziehender.

*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung
aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007

 

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