77 Com Werner Stürenburg Original Fine Art Originalkunst, Oeuvre Werkschau joe

180 cm - 71 inch
Werkgröße » 47x37 cm (19x15")
Referenzfigur 180 cm


Werknummer
» 77
Abmessungen
» Kommentar
» 47x37 cm (19x15")
Öl / Leinwand
01.01.1974

Auflösung:
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Kommentar
© Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


» Le peintre III, 100x73cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Eine etwas unangenehme, männlich wirkende Gestalt. Die irritierende Wirkung geht anscheinend von der gelben Linie aus, die sich zwischen die Lippen schiebt. Trotz der Maskenhaftigkeit eignet auch dieser Figur etwas Persönliches. *

So habe ich in Werkkatalog  Stürenburg 2007 geschrieben. Um dieses Bild mache ich gerne einen Bogen, es ist mir ziemlich unangenehm und auch etwas peinlich, aber angesichts der Erkenntnisse der letzten Tage bin ich doch sehr gespannt, was mir zu diesem Bild jetzt einfällt.

Zunächst sollte ich vielleicht meine Lesart erläutern; ich sollte wohl besser nicht voraussetzen, dass jeder sofort erkennen, worum es geht; angesichts der Freiheiten, die sich Karikaturisten und Cartoonisten heute erlauben können, ist es allerdings unwahrscheinlich, dass jemand damit Schwierigkeiten hat.

Ich bin natürlich wie alle modernen Zeichner an Picasso geschult und habe keine Probleme, so etwas zu entziffern. Tatsächlich dürfte nicht nur die Kombination von Frontal- und Seitenansicht, sondern insbesondere auch die oben erwähnte unangenehme Einzelheit direkt von Picasso kommen. Jedenfalls konnte ich mir diese Erfindung nicht anders erklären. Stimmt das überhaupt? Mal sehen, ob ich ein entsprechendes Beispiel finde.

Ich meine, dass diese Schlängellinie zwischen den Lippen im Zusammenhang mit seinen Variationen zu » Rembrandts » verlorenem Sohn steht, wo er einen besessenen und vielleicht verrückten Maler darstellt, der natürlich » Vincent van Gogh sein könnte, worauf nicht nur die roten Haare, sondern auch dessen Stiefel hinweisen - Picasso bewunderte im Alter van Gogh wegen dessen angeblicher Fähigkeit, neue Themen zu erfinden, beispielsweise seine alten Stiefel (siehe dazu auch meinen Aufsatz  Bathseba von Picasso).

Nein, ich habe mich nicht geirrt. »Le peintre III, 10.-12. März 1963 war es wohl, an das ich mich erinnert hatte - dieses Gemälde gibt es nicht mehr, es ist beim Absturz des » Swissair-Flug 111 1998 untergegangen. Das Bild steht, wie bei Picasso üblich, nicht für sich allein. Es muss in einem Werkzusammenhang gesehen werden und wird durch ähnliche Schöpfungen begleitet.

1963 arbeitete Picasso seit längerer Zeit an einer Serie zum Thema „Maler und Modell“ und isolierte eines Tages den Maler, indem er dessen Kopf alleine darstellte, sogar ohne Hinweis auf seine Profession (» Tête d'homme, profil II). In diesem Gemälde taucht die merkwürdige und auffallende Bildung am Mund zum ersten Mal auf. Am selben Tag sind übrigens (vorher oder nachher oder zwischendurch) noch zwei konventionelle Gemälde zum Thema Maler und Modell entstanden.

» Tête d
 
     
» Le peintre, 
10.03.1963
Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
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» Le peintre II, 10.03.1963
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» Le peintre III, 10.-12.03.1963
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» Rembrandt et Saskia, 13.03.1963
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» Le peintre II, 16.03.1963
Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
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In den verschiedenen Versionen, die er am nächsten Tag von diesem Kopf herstellte, wobei er bei diesen Bildern nun wieder großen Wert darauf legte, den Maler bei seiner Arbeit darzustellen, spielt er diesen Einfall durch. Zunächst könnte man meinen, es handele sich um ein Zeichen dafür, dass der Maler spricht, wie in einem Comic (was für Picasso natürlich ungewöhnlich, aber nicht ausgeschlossen wäre), dann aber sieht es eher so aus, als hätte er ein Lutschbonbon im Mund, das so scharf ist, dass er Feuer speit (» Le peintre, » Le peintre II). Jedenfalls kann ich keine Anspielung auf die Zunge herstellen, die ja anatomisch dort anzusiedeln wäre - immerhin hätte man dann die Zunge als gespalten interpretieren können.

In der dritten Version, die ich in Erinnerung hatte, verwandelt sich diese Erfindung jedoch in ein zweites Paar Lippen, einem zweiten Profil zugehörig, was sehr interessant aussieht (» Le peintre III). An diesem Bild scheint er länger gearbeitet zu haben, es ist wesentlich besser als die anderen Versionen. Das ist bei ihm im allgemeinen ein Zeichen dafür, dass er jetzt zu wissen glaubt, worum es geht. Am Folgetag dann seine furchtbare und peinliche Version des Gemäldes von Rembrandt, mit der ich dieses Bild also ganz richtig in Verbindung gebracht hatte, wobei er wieder die einfache Variante des Lutschbonbons verwendet (» Rembrandt et Saskia). Drei Tage später folgt noch einmal eine Variation des Malers mit demselben Kürzel (» Le peintre II).

Dieser Maler hat übrigens manchmal drei Augen, wie man selbst an den Verkleinerungen 2, 4 und 5 deutlich erkennen kann. Das dritte Auge erscheint wie eine Art aufgesetzte Lupe.

Eines ist durch diese Diskussion jetzt aber klar geworden:
Meine Erfindung sieht völlig anders aus und hat deshalb vermutlich mit Picassos Version nichts zu tun - oder aber ich bringe hier etwas durcheinander und assoziiere das falsche Bild. Wenn dem so ist, wird mir das richtige sicherlich noch einfallen. Es müsste sich ja in den Büchern befinden, die ich damals besessen und intensiv studiert habe.

» Tête de femme · © Copyright Werner Popken. 
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» Femme au chapeau · © Copyright Werner Popken. 
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» Femme aux cheveux flous · © Copyright Werner Popken. 
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Und tatsächlich:
In Gemälde und Grafik. Einleitung von Jürgen Gustav. Ramerding, Berghaus Verlag, (1972) finden sich zwei Linolschnitte, die hier vielleicht angeregt haben könnten:
»Tête de femme (Jacqueline au chapeau noir) und » Femme au chapeau. Aus demselben Jahr gibt es noch einen weiteren mit einer Konstruktion, die der meinen ähnlicher ist, mir damals allerdings wohl nicht bekannt war:
»Femme aux cheveux flous.

Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
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Da Picasso sich ausschließlich am Gegenständlichen orientiert hat, stellt sich natürlich die Frage, was diese merkwürdigen Dinge um den Mund herum und im Mund zu bedeuten haben. Soeben stellt sich mir beim mittleren Linolschnitt die Assoziation zu einer Zigarette ein. Er war ja ein starker Raucher, es gibt kaum eine Abbildung, in der er nicht eine Zigarette in der Hand hält. So gesehen ist es merkwürdig, dass er kaum Zigaretten gemalt hat. Es gibt allerdings aus dieser Zeit eine Serie eines Rauchers.

Vielleicht meint er manchmal einfach nur eine Zigarette, manchmal ein Bonbon, vielleicht sogar beides. Möglicherweise hat er sich zu dieser Zeit das Rauchen abgewöhnt und Bonbons gelutscht - aber das geht mir jetzt zu weit. Die von mir erinnerte Raucher-Serie stammt allerdings aus dem Jahr 1964, kann also nicht zur Erklärung herangezogen werden. Außerdem soll es sich bei der Figur um eine Frau handeln, und bei Picasso rauchen nur Männer (obwohl es sich auch um ein Portrait von Jacqueline handeln soll, und die rauchte).

Zurück zu meinem Bild. Auch dieser zweite Ansatz brachte eigentlich keine Aufklärung. Auch diese Beispiele lassen sich nicht direkt mit meiner Gestaltungsweise in Verbindung bringen. Sehr merkwürdig. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass gerade diese Einzelheit nur durch Assoziation zu Picasso zu erklären ist.

Picassos Erfindungen gehen ja zuweilen sehr weit, aber merkwürdigerweise erregen sie oft sehr wenig Gefühle. Sie mögen interessant sein, verwirrend, aber sie lassen meist merkwürdig kalt, vermutlich weil es sich um mehr oder weniger technische Spielereien handelt. Die drei Linolschnitte können gut als Beispiel dienen:
Allenfalls der rechte könnte Gefühle auslösen.

Nun könnte man mein Bild ebenfalls als technische Spielerei auffassen:
Ein Auge ist deutlich und unmissverständlich zu lesen, Prototyp des Augenschemas, das zweite Auge kann aber auch nicht unentdeckt bleiben und ebenfalls nur als solches interpretiert werden. Folglich muss die geschwungene Linie zwischen den beiden Augen für eine Nase stehen, was der Punkt bestätigt, der dann nämlich als Nasenloch gelesen werden kann.

Diese rote Fläche schwingt sich um die Stirn herum, als das die grüne Fläche oberhalb des linken Auges gelesen werden muss, und wechselt dann die Bedeutung, indem es zum Haar wird - die kurze Striche, die in Höhe des Augenwinkels ansetzen, bestätigen diese Lesart ebenso wie der Punkt die Nase verifiziert hat.

Ausgehend vom rechten Auge, das wie maskiert erscheint, bietet sich die Interpretation der dunklen Fläche als blauschwarzes, langes glattes Haar unmittelbar an, die Lesart der gelben Fläche als Wange mit dem dazugehörigen Kinn als Abschluss ist dann die Folge.

Infolgedessen sucht man den Mund und findet ihn auch. Dieser kann nun in der Frontalansicht gelesen werden, wobei es sich um einen schmallippigen, wenig differenzierten Mund handelt, der ein bisschen geöffnet ist, als wollte er sprechen, oder aber in der Profilansicht, wo er eigentlich ebenfalls erscheinen müsste, aber nicht wirklich erkennbar ist. Stattdessen läuft die gelbe Farbe wie in einem Strohhalm zwischen die Lippen der Frontalansicht. Das wiederum beschädigt die Lesart des Profils ganz erheblich und führt zu dieser unangenehmen Empfindung. Hier stimmt etwas nicht.

Die übrige Form, die von links in die Frontalansicht hereinragt, ist ebenfalls nicht ohne weiteres gegenständlich zu deuten; es scheint sich nicht um einen Fremdkörper zu handeln, aber auch nicht um Haare, nicht um einen Bart, auch nicht um eine Hand, die etwa das Gesicht stützen würde. Obwohl man hier also ebenfalls im Ungewissen gelassen wird, verursacht diese Form weniger Bauchschmerzen.

Die beiden Gesichter können sehr gut als unterschiedliche Personen interpretiert werden. Das Frontalgesicht hat eindeutig Angst und weicht zurück (reißt die Augen auf und ist ganz grün im Gesicht, auch der Mund unterstützt diese Lesart), während das Profilgesicht absolut cool, selbstsicher und auch ein bisschen brutal wirkt, so wie ein Mafiaboss, der ein Angebot macht, das man nicht ablehnen kann.

Dieser scheint den anderen ja tatsächlich auch zu bedrängen, schon allein durch seine räumliche Präsenz - die unidentifizierte Fläche links gebietet diesem Druck und der Bewegung Einhalt. Das aufgerissene Auge deutet darauf hin, dass aus dieser Richtung Gefahr droht und das Entsetzen naht. Der dunkle Typ kneift gewissermaßen die Augen zusammen und schaut durch diese reale oder eingebildete Gefahr stur hindurch nach dem Motto:
Ich bin immun. Wenn da nicht dieser merkwürdige Mund wäre! Das muss ich doch jetzt mal näher untersuchen, indem ich diese entscheidende Stelle manipuliere:


Vergleich:<br /> manipuliert (links) und Original (rechts) · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Vergleich:
manipuliert (links) und Original (rechts)


 
Genau:
Das ist es! Jetzt haben wir zwei Typen, den plumpen, zitternden Angsthasen und den schmallippigen, eleganten Finsterling. Und sogleich wird klar, dass das Bild zwar an Eindeutigkeit gewinnt, an beunruhigender Kraft jedoch verliert. Die Bedrohung wird unglaubwürdiger, der dunkle Typ verliert sein dämonisches Wesen. Es scheint so, als ob der rechte dem linken Sicherheit gewähren könnte, zugleich jedoch sein eigenes Spielchen treiben würde, womit ihm nicht zu trauen wäre. Bei der ursprünglichen Version ist dieses Verhältnis weniger offensichtlich. Zwar wirkt der Gelbe für den Grünen ebenfalls unterstützend und versichernd, die gelbe Linie und der fehlende Mund erzeugen jedoch eine zusätzliche bedrohliche Stimmung. Die veränderte Fassung wirkt demgegenüber vergleichsweise harmlos.

Diese gelbe Linie zwischen den Lippen ist anscheinend zuletzt gemalt worden. Danach hielt ich das Bild wohl für fertig. Die Farben sind überall recht dünn aufgetragen, bis auf das Zentrum der Wange rechts, was man auch in der Reproduktion sehen kann, am deutlichsten natürlich in der  größten Auflösung. Dort ist die Farbe dicker aufgetragen, was man als Fehler ansehen kann; an der Oberlippe erkennt man, dass darunter eine Zeichnung in brauner Farbe liegt, die mit schwarz nachgezeichnet worden ist. Die Umrandung des Auges scheint zunächst mit einem trockenen, blauen Pinsel vorgenommen zu sein.

Habe ich dieses Bild nun als Darstellung einer Person oder zweier Personen aufgefasst? Ich weiß es nicht; nach dieser Untersuchung könnte man ja meinen, dass es eher zwei Personen sind. Wenn man Bilder aber als Manifestationen seelischer Sachverhalte oder Kräfte auffasst, wären sie wieder vereint, nämlich als Teile der einen Seele, die sich auf vielfältige Weise darstellt. Insofern wäre es eben meine eigene Lebensangst, die zum Ausdruck gekommen ist, und zugleich eine stärkere Kraft, die dieser zur Seite steht.

Insgesamt ein sehr erstaunliches Bild, wie überhaupt diese ganze Reihe gewissermaßen eine Explosion darstellt, ein Ausgreifen in die verschiedensten Richtungen, jeweils mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, die mir einfach unverständlich ist. Wenn ich die Botschaft des Bildes in Worte übersetzen sollte, würde ich sagen, der Grüne, der von Angst und Entsetzen geplagt ist, bekommt von dem Gelben Zuversicht und Sicherheit eingeflößt. Dabei geht es offensichtlich nicht um irgendwelche äußeren Bedrohungen, sondern um innere Ängste, vielleicht Lebensangst. Lebensangst wiederum ist sicherlich eine der Wurzeln der Religiösität - durch Zuflucht zu einem höheren Wesen und Gebete, die man als Selbstbeeinflussung deuten könnte, wird eine Dämpfung dieser Lebensangst erreicht. Insofern könnte man diesem Werk auch eine religiöse Dimension zubilligen.

Der Ausdruck eingeflößt könnte natürlich in Verbindung mit der gelben Linie als Übertragung von Materie gedeutet werden, etwa einem Atemhauch. Mund-zu-Mund-Beatmung läge hier nahe, wäre nicht die gelbe Linie ganz deutlich ein wenig zu lang - sie ragt über den Mund des Grünen hinaus. Noch merkwürdiger ist, dass diese Linie ganz deutlich und scharf rechteckig abgeschnitten ist, im Gegensatz zu allen anderen Linien, die weich und abgerundet auslaufen. Sie ist auch nicht ganz gleichmäßig, sondern schwillt an und ab. Diese Qualitäten werden vom Auge mit Sicherheit wahrgenommen und können nicht interpretiert werden. Auch das trägt bestimmt zur Beunruhigung bei.

Nachtrag:
Nach ein paar Tagen gefällt mir die manipulierte Version erheblich weniger, ohne dass ich sagen könnte, woran das liegt. Natürlich ist sie trivialer, eindeutiger, aber hatte ich mich nicht gerade über die unverständliche Partie mokiert, über die ich immer noch nichts zu sagen weiß und die mich immer noch irritiert?

*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung
aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Da das Picasso Project seit spätestens 24.01.2011 gesperrt ist,
führt ein direkter Link nicht mehr zum Ziel; daher bin ich gezwungen, die erwähnten Werke
hier zu reproduzieren und berufe mich dabei auf » Fair Use bzw. das » Zitatrecht.

 

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