57 Com Werner Stürenburg Original Fine Art Originalkunst, Oeuvre Werkschau joe

180 cm - 71 inch
Werkgröße » 49x40 cm (20x16")
Referenzfigur 180 cm


Werknummer
» 57
Abmessungen
» Kommentar
» 49x40 cm (20x16")
Öl / Leinwand
08.12.1973 - 13.12.1973

Auflösung:
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Kommentar
© Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


» Delacroix:<br /> Die Frauen von Algier, 1834, 180×229cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
» Picasso:<br /> Les femmes d
 
Nachdem ich mich mit  Nummer 32 schon am » Frühstück im Grünen versucht hatte, nahm ich mir nach der Erholungspause mit dem Kleinkram jetzt die » Frauen von Algier von » Delacroix vor, und zwar auf einer noch größeren Leinwand, deren Maße nicht überliefert sind.

Anlass war natürlich meine Beschäftigung mit der Reproduktion einer von Picassos Paraphrasen:
» Les femmes d'Alger (d'après Delacroix) XV, abgebildet unter Nr. 40/41 im Buch » Pablo Picasso. Gestalter unserer Zeit. (Hrsg. Lara Vinca Masini. Kunstkreis Luzern 1969), wobei der Kopf der linken Dame zusätzlich als Ausschnitt auf dem Schutzumschlag gezeigt wird.

Damit wurde auch dieses Bild als Hauptwerk geadelt. Kein Wunder, dass ich mich intensiv damit beschäftigte und versuchte herauszufinden, worin die überragende Leistung des Überkünstlers in diesem Fall bestand.

Das war einer der Preise, die ich dafür bezahlte, dass ich keine professionelle Ausbildung als Künstler absolviert habe. Mein Professor an der Kunsthochschule hätte mir solche Ambitionen vermutlich schnell ausgetrieben - und mich dafür dann auf seine Sichtweise festgelegt, was auch nicht unbedingt besser gewesen wäre. Indem ich Picasso als Lehrer akzeptierte, musste ich mich eben auch mit all seinen Irrungen auseinandersetzen.

»  Die Frauen von Algier, Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Dass die modernen Künstler einen großen Bogen um Picasso machten und sich lieber an » Duchamp hielten, war mir ja nicht unbekannt, aber dieses Abenteuer hatte ich bereits hinter mir. Da hielt ich mich lieber an den unbestrittenen Übermeister; hier mussten doch Goldfunde zu holen sein! Das kritische Buch » Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso von » John Berger hatte ich damals noch nicht entdeckt und war deshalb der Lobhudelei der übrigen Autoren schutzlos ausgesetzt.

Mit diesem Projekt bin ich gescheitert. Ich habe zum ersten und letzten Mal eine Leinwand zerschnitten. Zwei Figuren konnte ich gelten lassen, aber nur als Einzelbilder. Diese ist die erste (siehe  Nummer 58). Nun sind diese beiden Frauen die wichtigsten auf diesem Bild. Daher vermute ich, dass ich am Interieur gescheitert bin. Merkwürdig.

Leider kann ich mich an Einzelheiten nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall war mir die Lust gründlich vergangen, ich war sogar frustriert und aggressiv genug, zur Schere zu greifen. Welchen Sinn machte es, sich mit Themen zu beschäftigen, die mich nicht wirklich interessierten, wie etwa die schwüle Haremsatmosphäre, die Delacroix sich vorstellte?

Bei meinem Versuch habe ich mich offensichtlich an diesen und nicht an Picasso gehalten, mir aber doch alle Freiheiten herausgenommen, die ich mir bisher erarbeitet hatte. Wenn man die Figur nicht direkt mit dem betreffenden Ausschnitt des Originals vergleicht, schneidet die Malerei gar nicht schlecht ab, obwohl ich vor allem beim Körper wieder zu der berüchtigten Fleischfarbe gegriffen habe, was einen unangenehmen Eindruck hinterlässt.

Vermutlich habe ich die Ausschnitte, nachdem ich sie auf kleineren Rahmen gezogen hatte, noch einmal überarbeitet, um ein Bild daraus zu machen, das für sich bestehen kann. Das ist mir ganz gut gelungen, finde ich. Es fehlt allerdings die elementare Wucht, die ein Bild meiner Meinung nach haben sollte. Das hat natürlich mit der Geschichte dieses Bildes zu tun - durch die Verkleinerung wurde das ursprüngliche Problem, das Fehlen eines Themas, wie es John Berger bei Picasso ganz deutlich herausgearbeitet hat, ja keineswegs gelöst. Es konnte also höchstens ein angenehmes, schönes, nettes Bild dabei herauskommen, was nach » Matisse zwar schon genug sein soll, für mich aber nicht genug war. Immerhin habe ich das Bild nicht vernichtet und stehe dazu.

Im Vergleich - der freilich bei der Verkleinerung etwas schwer zu ziehen ist - wirkt diese Frau wesentlich moderner, selbstbewusster, neugieriger, offener. Sie hat einen angenehmen, wachen, fragenden Blick und ihr Gesicht lässt auf eine interessante, ernsthafte, tiefgründige Persönlichkeit schließen. Diese Frau hat wahrscheinlich etwas zu sagen und zu bieten.

© Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


 
Die Frau von Delacroix ist sich ihrer erotischen Anziehungskraft bewusst und setzt diese als Mittel ein. Bei mir fehlt sowohl diese erotische Ausstrahlung als auch das Bewusstsein dieser Kraft. Dabei geizt meine Frau keineswegs mit ihren Reizen - bezüglich der Kleidung habe ich mich offensichtlich nicht an das Vorbild gehalten. Was sonst von der Haremsdame zu halten ist, wird nicht recht deutlich. Freilich ist sie hübsch und schön, aber ihre Persönlichkeit ist vielleicht doch etwas kindlich.

Die Malerei von Delacroix ist natürlich wunderbar, wie eine köstliche Sahnetorte, während mein Werk demgegenüber eher wie Magerquark wirkt. Außerdem hat sein Bild Tiefe, während meins flach ist. Er wusste, warum er dieses Bild malte:
Damit arbeitet er sowohl seine Erinnerungen an einen Haremsbesuch als auch seine Fantasien und Sehnsüchte auf, die er mit vielen seiner Zeitgenossen teilte. Mein Bild hingegen ist das Produkt eines Willküraktes, ohne innere Notwendigkeit entstanden.

Und nicht zuletzt:
Sein Bild ist eins der Hauptwerke eines herausragenden Meisters, des besten seines Zeitalters, auf der Höhe seiner Schaffenskraft entstanden, meins das Ergebnis eines Experiments eines Anfängers und Autodidakten, der auch sonst wenig Ahnung hat und gar nicht weiß, warum er sich auf was einlässt. Es wäre wirklich extrem unfair, dies zu vergessen.

© Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


 
Wo ich dabei bin, kann ich natürlich jetzt nicht stehen bleiben und muss Picasso mit Delacroix vergleichen, obwohl das eigentlich gar nicht geht, denn der entzieht sich dem direkten Vergleich, indem er das Vorbild nach Belieben umgestaltet. Trotzdem muss er sich die Frage gefallen lassen, ob dabei mehr oder weniger herauskommt. John Berger war sich sicher, dass sehr viel weniger dabei herauskommt, eigentlich nichts.

Aber wer ist schon John Berger? Tausende von Experten beeilen sich, Picassos Versionen überragende Qualitäten zuzugestehen. Dabei hat Berger durchaus etwas zu sagen und keiner macht sich die Mühe, auf seine Argumente einzugehen. Er hat dieses Gemälde und vor allem Picassos Variationen zu » Las Meninas von » Velasquez aus dem Jahre 1957 zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gewählt (die Originalausgabe ist 1965 erschienen).

Wie positiv man immer Picassos Werk seit 1945 beurteilen mag, man kann ihm nicht bescheinigen, daß in irgendeiner Weise ein Fortschritt zu erkennen wäre, gegenüber dem, was Picasso früher gemacht hat. Für mich stellt es einen Rückschritt dar:
einen Rückzug, wie ich zu zeigen versucht habe, auf einen idealisierten und sentimentalen Pantheismus. Selbst wenn diese Beurteilung falsch wäre, bleibt die ungewöhnliche Tatsache, daß der größere Teil von Picassos wichtigen Spätwerken Themen anderer Maler variiert. So interessant sie sein mögen, sind sie doch weiter nichts als Malübungen - wie man sie etwa von einem ernsthaften jungen Künstler erwartet, jedoch nicht von einem alten Mann, der die Freiheit längst erlangt hat, er selbst zu sein. [Abb. 92, 93]

Es wird manchmal eingewendet, Picasso habe Delacroix oder Velázquez nur zum Ausgangspunkt genommen. In formaler Hinsicht stimmt das, denn Picasso baut das ganze Bild häufig völlig neu auf. Doch in Bezug auf den Inhalt ist die Vorlage sogar weniger als ein Ausgangspunkt. Picasso nimmt ihr ihren Inhalt und ist außerstande, einen neuen, eigenen zu finden. Das Ganze bleibt eine technische Übung. Wenn überhaupt Kraft oder Leidenschaft vorhanden ist, dann ist es die eines Malers, der zum Malen verurteilt ist, ohne etwas zu sagen zu haben. [Abb. 94, 95]

Man beachte beispielsweise, wie extrem die Verzerrungen und Verschiebungen in seiner Variation des Velázquez sind. Der Zwerg, der Hund, der Maler, alle wurden von Velázquez' Hand entrissen - aber aus welchem Grund? Um was auszudrücken? [...] Velázquez ist in seinem eigenen Bild so ohne jede Anstrengung er selbst, und in Picassos Bild ist er so überwältigend groß, daß er ein Vater sein könnte. Es ist denkbar, daß der alte Picasso hier als verlorener Sohn zurückkommt, um Palette und Pinsel, die ihm mit 14 Jahren allzu leicht zugefallen sind, zurückzugeben. Vielleicht ist dieses letzte große Bild von Picasso ein umfassendes Eingeständnis des Scheiterns.

a.a.O., Seite 223-226


Vergleich:<br /> manipuliert (links) und Original (rechts) · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Vergleich:
manipuliert (links) und Original (rechts)


 
Der Wusch an ihrer rechten Kieferpartie störte mich jetzt ein wenig - als ich das Bild für vollendet erklärte, war es offenbar nicht so; also habe ich mir die Mühe gemacht, hier digital nachzubessern. Jetzt ist es glatter, aber nicht unbedingt besser. Komisch, dass das Auge so tolerant ist. Ich habe überlegt, ob dieser Pinselstrich als Andeutung eines Schleiers durchgehen könnte, aber das leuchtete mir auf den ersten Blick nicht ein.

Freilich scheint sie um den Hals einen Schleier oder ein durchsichtiges Halstuch zu tragen, wie auch ihr Dekolletee durch einen Schleier bedeckt zu sein scheint, und beide sind offenbar getrennt. Das Geheimnis ist möglicherweise ein anderes:
Durch den unmotivierten Pinselstrich, die wie ausgerutscht aussieht, wird der Blick anscheinend stärker zu den Augen gelenkt, die, obwohl lediglich als Knopfaugen ausgebildet, ziemlich eindrucksvoll sind.

 

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