180 cm - 71 inch
Werkgröße 62×92cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »32
Öl / Weichfaser
21.10.1973, » 62×92 cm (24×36")

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Eine Paraphrase nach einer Paraphrase nach einer Paraphrase nach einer Paraphrase - dies ist das Frhstck im Grnen nach dem Frhstck im Grnen von Picasso nach dem » Frhstck im Grnen von » Manet nach dem » Urteil des Paris von » Raffael.

Wieder musste Picasso mich anschieben. Die Anleihen bei diesem sind ebenso offensichtlich wie die Distanz zu ihm. Hier scheint sich ein Vater seine Tochter und deren Liebhaber oder seinen Sohn und dessen Geliebte vorzuknpfen. Der Dackel ist das erste Tier und kommt in den Vorbildern nicht vor. Der Jngling links hat einen Schnurrbart - sollte das ein Selbstportrait sein? Auf die Idee bin ich ja noch gar nicht gekommen! *

»Edouard Manet: Le Djeuner sur l
 Giorgione und/oder Tizian, Lndliches Konzert, 110x138cm, ca. 1510 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
»Ausschnitt: Raimondi nach Raffael, Urteil des Paris, ca. 1515 · © Copyright Werner Popken. 
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»Picasso: Le djenuer sur l
Ausschnitt: Frau · © Copyright Werner Popken. 
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Ausschnitt: Mann · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Ausschnitt: Alter · © Copyright Werner Popken. 
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Ausschnitt: Badende · © Copyright Werner Popken. 
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Ausschnitt: Dackel · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Das war mein Kommentar fr die Ausgabe von  Strenburg 2007. Eine Paraphrase in der Aufzhlung oben ist zu viel (bzw. » Tizian/» Giorgione fehlt, nmlich: » Fiesta campestre), aber die Tendenz ist klar: Dem modernen Knstler fllt nichts mehr ein, also bedient er sich beliebig in der Vergangenheit (postmoderne Beliebigkeit), nur um festzustellen, dass diese bung so neu nicht ist.

Die findigen Kpfe haben schon immer geklaut, wo sie konnten, und nicht zuletzt dadurch hat sich die Menschheit als berlegenes Wesen auf der Erde etablieren knnen. Ein jeder von uns, egal ob Wissenschaftler, Techniker, Pdagoge oder Knstler, baut auf den Erfahrungen und Errungenschaften seiner Vorgnger auf.

Eine » Paraphrase ist allerdings nicht einfach eine bernahme oder gar Kopie, sondern eher eine Art Anverwandlung. Die Verpflichtung dem Vorbild gegenber ist deutlich erkennbar, aber es entsteht etwas durchaus Neues.

Gerade dieses Neue hat seinerzeit den Skandal um das Gemlde von Manet hervorgerufen. Htte er die Szene als Stelldichein von Gttern inszeniert wie Raffael in seiner verschollenen Zeichnung, die dem Kupferstich zugrunde liegt, wre der Protest vermutlich ausgeblieben. So aber konfrontierte er modisch gekleidete Pariser Mnner mit selbstbewussten nackten oder halbnackten Frauen, die so gar nicht den Eindruck der Kuflichkeit machten, sondern ihre Nacktheit als absolut selbstverstndlich und natrlich anzusehen schienen. Damit knpft er freilich direkt an Giorgione an, der diese skandalse Zusammenstellung schon bringt.

Manets Inszensierung war natrlich Fiktion. Das Bild ist ja auch nicht drauen in der freien Natur gemalt worden, sondern im Atelier. Eines Tages stand ich vor dem Original, und da sprangen mir die perspektivischen Brche geradezu ins Auge. Die Topographie der Landschaft ist absolut unglaubwrdig, um nicht zu sagen grob misslungen, bel geflickt aus verschiedenen Versatzstcken. Das strt aber nicht unbedingt, sondern tut dem Bild vielleicht sogar gut, insofern der Blick sich auf die Personen konzentriert, besonders natrlich auf die schne Frau im Vordergrund.

Sowohl die Frau als auch die Mnner werden bei Manet als deutlich Persnlichkeiten charakterisiert. Mglicherweise sind es sogar ziemlich getreue Portraits - jedenfalls ist heute bekannt, wer fr welche Figur Modell gestanden oder gesessen hat. Im Gegensatz dazu sind die Figuren in smtlichen Paraphrasen Picassos (und er hat 1960/61 einen Haufen davon angefertigt, in verschiedenen Techniken, z.B. »Le djenuer sur l'herbe (d'aprs Manet), 114x146cm) smtlich absurde Pappfiguren, noch nicht einmal Karikaturen, sondern einfach lcherlich willkrliche Erfindungen, deren strkste Charakteristik die unverkennbare Handschrift Picassos ist. So bleibt sein Tun lediglich nichtssagende Fingerbung und kann seinem Vorbild das Wasser nicht reichen. Insbesondere erfhrt man nichts ber die Beziehungen dieser Personen, was durchaus stimmig ist, da sie ja eigentlich gar keine sind - welche Beziehungen sollten sie haben knnen?

Bei Picasso sind alle Personen nackt, und das habe ich offensichtlich bernommen. Im alten Mann rechts taucht auch dessen doppelte Profillinie wieder auf, neben einigen anderen Picasso-typischen Krzeln. Merkwrdig, dass trotzdem die Charakterisierung als Person nicht leidet und man bei diesen Figuren, die doch Picasso einiges verdanken, sogar das Alter bestimmen kann.

Die Nacktheit der vorderen Frau wird (wie bei Picasso) auch nicht besonders herausgestellt (wie bei Manet). Dort mchte deren Nacktheit ganz selbstverstndlich erscheinen, ist aber gerade durch den Gegensatz zur korrekten Bekleidung der Herren berhaupt nicht selbstverstndlich. Die Nacktheit der Figuren Picassos ist demgegenber einfach nur Manie und tut nichts zur Sache bei.

Bei mir wird nicht die Nacktheit als solche thematisiert, sondern diese ist ein eher nebenschlicher Bestandteil der Situation. Sie erscheint hier als Reduktion der Person auf die Substanz, als Verzicht auf Verkleidung und gesellschaftliche Sttzen. Da doziert einer, und zwei hren zu und denken sich ihren Teil. Damit bekommt die ganze Szene einen anekdotischen Charakter. Die rechte Figur erhlt die Rolle des Vaters oder Mentors, die beiden linken erscheinen als Liebespaar.

Die Frau mit ihren langen goldenen Haaren wirkt wie eine Prinzessin, die wei, was sie will, und sie wird sich durch die Standpauke des Alten nicht beeinflussen lassen. Der junge Mann ist demgegenber stark betroffen, seine Krperhaltung zeigt sowohl Lssigkeit als auch die Bereitschaft zum Widerstand. Die hintere Frau steht in keinerlei Beziehung zu dieser Gruppe, ist einfach nur Bezugnahme auf Picasso und Manet, und fllt auch stilistisch und farblich etwas aus dem Rahmen.

Die rumlichen Beziehungen und die Lichtfhrung sind denkbar einfach, aber dennoch berzeugend realisiert - der dunkle Wald und die groen Bume kommen gut rber. Man merkt, dass ich vollkommen entspannt war und mich gerne von den Erfindungen Picassos tragen lie. Ich musste ja niemandem etwas beweisen, nicht einmal mir selbst. Und deshalb ist es vielleicht auch so gut gelungen.

Es gefllt mir, es gefllt mir besser als die Variationen Picassos, mit denen ich mich intensiv beschftigt habe, um daran zu lernen. Allerdings fiel mir schwer zu erkennen, was daran wirklich gut sein sollte. Selbstverstndlich gab ich ihm allen nur denkbaren Kredit. Aber wer war ich, dass ich mir htte anmaen knnen, eine Meinung ber Picasso zu haben? Picasso war unzweifelhaft genial, alles was er produzierte, musste absolut groartig sein, museumsreif. Und so sieht es die Welt ja bis heute.

Was sagt dieses Bild nun? Im Gegensatz zu Picassos Bemhungen, die keinerlei gesellschaftliche oder persnliche Aussage zu haben scheinen, woran sich schon » John Berger sehr gestoen hat (deutsch » Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, Originalausgabe 1963), und Manets zeit-, situations- und gesellschaftsbezogene Aussage wird hier eine eher archetypische Situation dargestellt, der Generationsgegensatz und die Abkoppelung der jungen Generation aus Liebesgrnden.

Natrlich wirkt dieses Bild auch naiv, und durch den Dackel bekommt es sogar einen humoristischen Aspekt. In erster Linie drngt sich aber die existenzielle Problematik auf, die dem Bild seine Tiefe verleiht. Ich vermute, ich verstand es damals wrtlich und bezog es wie ein Traumgeschehen auf eine reale Situation. Als ich vier Jahre zuvor das erste Mal meine neue Lebenspartnerin mit zu meinen Eltern brachte, stellte mein Vater mich zur Rede und verlangte von mir, zlibatr zu leben, um mein Studium nicht zu gefhrden. Schlagfertig hatte ich eine Entgegnung parat, und damit war das Thema eigentlich erledigt.

Deshalb konnte ich mit dem Bild im Grunde nichts anfangen. Was ich allerdings nicht ins Bewusstsein kommen lie, war die Frage, wie es mit uns beiden weitergehen sollte. Ich hielt es fr modern und zeitgem, nicht zu heiraten, fand es sogar berzeugender fr die Beziehung, da man ja aus freien Stcken beieinander blieb und damit aller Welt und sich selbst jederzeit bewies, wie es um die Beziehung stand. Das war allerdings ein Irrtum, wie sich wenige Jahre spter herausstellen sollte.

Heute denke ich, das man das Bild mglicherweise als einen Hinweis auf diese versteckte Problematik verstehen kann, so wie man auch meint, dass unverarbeitete Probleme im Traum auf sich aufmerksam machen. Freilich war ich weder so weit, Bilder so verstehen zu knnen, noch mich auf sie einzulassen und sie wirklich zu befragen. Welche Krfte und Mechanismen bei Trumen und Bildern wirken, ist weitgehend unbekannt. Wer von der Existenz einer Seele berzeugt ist, wird vielleicht deren Wirken darin erkennen wollen.

Insgesamt konnte mich aber auch dieses Bild nicht berzeugen. Freilich berzeugt mich auch der Manet nicht, von den Picassos ganz zu schweigen. Kunst schien mir doch noch etwas ganz anderes zu sein.
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Da das Picasso Project seit sptestens 24.01.2011 gesperrt ist, fhrt ein direkter Link nicht mehr zum Ziel; daher bin ich gezwungen, die erwhnten Werke hier zu reproduzieren und berufe mich dabei auf » Fair Use bzw. das » Zitatrecht.

 

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