180 cm - 71 inch
Werkgröße 100×80cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. 184
Lack / Hartfaser
25.08.1974 - 28.08.1974, » 100×80 cm (39×31")
Rückseite von » 194

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


» Amateur-Bearbeitung · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
» Jeune fille devant un miroir, 03.03.1932, 162,3x130,2cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 Eigentümer-Abbildung · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Schon wieder ein schwerer Brocken. Die Frau schläft, der Mann wacht und ist offenbar besorgt. Ob die Frau krank ist? Auf jeden Fall scheint er sie sehr zu lieben. *

07.10.2012

Die Musterung im Hintergrund ist Picasso geschuldet, das war mir damals schon klar; in einigen Bildern aus den dreißiger Jahren, die jeweils eine seiner beiden Geliebten darstellen, verwendete er solche Muster. Sie könnten eine Tapete oder Fliesen darstellen.

Auf der Suche nach einem dieser Bilder, die ich damals gesehen haben könnte, nahm ich die frühen Dreißigerjahre in der russischen Sammlung, die ich neulich entdeckt hatte, in Augenschein (» Pablo Picasso-Enzyklopädie des Lebens und Kreativität).

» Amateur-Bearbeitung · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 Abbildung Arts Journal · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Dort wurde ich im Jahr » 1932 fündig. Obwohl diese Sammlung derzeit noch äußerst dürftig und wenig repräsentativ ist, könnte sie sich zu einer erstklassigen Adresse entwickeln, da das » On-Line Picasso Project inzwischen geschlossen ist.

Zwei der dort gezeigten Bilder aus dem Jahr 1932 kommen für diese Anregung in Frage, beides sehr berühmte Werke: » Das Mädchen im Spiegel (Jeune fille devant un miroir) und » Schlafen (Le Rêve).

Die Reproduktion des russischen Picasso-Liebhabers von » Mädchen im Spiegel ist extrem bunt und knallig, wie man es von Abbildungen in Büchern und Plakaten gewohnt ist - » Prof. Mallen gibt in seinem » OPP-Katalog allerdings ziemlich gedeckte Farben wieder, der Eigentümer, das » Museum of Modern Art, der es wissen müsste, ebenfalls, jedoch noch wieder andere: » Girl before a Mirror.

Diese Version scheint mir allerdings eindeutig blaustichig zu sein. Ist das nicht merkwürdig? Die sollten an diesem Museum doch Fachleute haben, die mit der größtmöglichen Sorgfalt zu Werke gehen. Oder müssen wir davon ausgehen, dass diese Version dem Original am nächsten kommt?

Auch die Reproduktion bei Taschen (» Warncke, Carsten-Peter: Pablo Picasso : 1881 - 1973) ist ziemlich rein- und starkfarbig, und wir wollen doch wohl hoffen, dass der Verlag sich hinsichtlich der Farbtreue die größte Mühe gegeben hat. Wenn dies zutrifft, haben sich die Experten vom MoMA blamiert.

Die russische Reproduktion ist beim „Traum“ nur unwesentlich satter als bei OPP: » Le rêve, 01.01.1932, 130x98cm, während die Abbildung im Arts Journal, auf die der Artikel der Wikipedia verweist, wieder extrem grell ist.

Die flächige, teils rautenförmige Aufteilung des Hintergrunds hat Picasso für eine ganze Reihe von Gemälden verwendet; welche konnte ich damals kennen? Denn mindestens eins davon habe ich aus Abbildungen in Büchern gekannt und sehr intensiv studiert und mich anscheinend damit infiziert.

Es war aber wohl nicht das Mädchen im Spiegel der Auslöser, denn in den Büchern, die ich damals besass, kommt dieses Bild nicht vor, sondern das mittlerweile sehr berühmte » Le Rêve aus demselben Jahr, 1997 für 48 Millionen US-Dollar bei Christies versteigert. Aber so richtig berühmt geworden und durch die Presse gegangen ist das Bild durch einen Unfall im Jahr 2006 - kurz vor dem erneuten Verkauf zu einem Rekordpreis hat der Besitzer es beschädigt und dann anschließend an die Restaurierung noch seine Versicherung verklagt.

Für die eigentliche Bedeutung des Bildes ist dies natürlich unwesentlich.

Wie die meisten Werke Picassos sind auch diese autobiografisch zu verstehen.[1] Sämtliche Bilder der Serie sind offensichtlich stark erotisch aufgeladen und feiern die körperlichen Freuden. Die Abweichungen vom Augenschein ermöglichen es, Erfahrungen bildlich wiederzugeben, die sonst nicht darstellbar wären und auch der Sprache nicht zugänglich sind.

„Diese Bilder unterscheiden sich von anderen durch ihre starke, unmittelbare Sexualität. Sie weisen ohne jede Zweideutigkeit auf das Erlebnis der körperlichen Liebe mit dieser Frau hin. Sie beschreiben sinnliche Erfahrungen und - vor allem - das Gefühl sexueller Befriedigung. Selbst wenn Marie-Thérèse bekleidet [...] ist [...], sieht er sie nicht anders: zart wie eine Wolke, unbeschwert, von offenkundiger Sinnenfreude und unerschöpflich in dem, was sie an Vitalität und Gefühlen verkörpert. Die Macht, die eine Frau durch ihren Körper über einen Mann ausüben kann, ist in der Literatur oft beschrieben worden. Doch Worte sind abstrakt und verbergen ebenso viel wie sie enthüllen. Ein Bild nach die beglückenden Gesetzmäßigkeiten der Sexualität auf viel natürlicher Weise deutlich. Man braucht nur an die Zeichnung einer Brust zu denken und sie dann mit den Assoziationen zu vergleichen, die dieses Wort allgemein auslöst. Für Sexualität in ihrem ganz ursprünglichem Sinn gibt es keine Worte, höchstens Geräusche; doch es gibt Formen.“
– John Berger: Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, Seite 190-191


Picasso hat selbstverständlich auch das Wechselspiel von Form und Grund gekannt (Vexierbild); gerade durch die kubistischen Techniken, wo jede Form für sich stehen kann, im Zusammenhang mit anderen Formen unter Umständen jedoch andere Bedeutungen annimmt, war er zweifellos dafür sensibilisiert. Anscheinend hat er Mehrdeutigkeiten aber nicht systematisch untersucht und provoziert, da sie in seinem Werk relativ selten vorkommen. Hier kann die hintere Hälfte des Gesichts leicht und unzweideutig als erigierter Penis gelesen werden, wenn man einmal darauf aufmerksam geworden ist; ob sich dies zufällig ergeben hat oder bewusst so gestaltet wurde, ist unbekannt. Das Spiel der Hände in Schoßbereich ist offensichtlich sexuell anzüglich.

Erotische Inhalte sind in Kunstwerken seit jeher zu finden, mehr oder weniger versteckt, wie es die gesellschaftlichen Umstände erforderten; diese Eigenart des Gemäldes ist also nicht unbedingt bemerkenswert, höchstens die Offensichtlichkeit und Deutlichkeit der Gestaltung.[2] Außerdem kann man nach Sigmund Freud in so ziemlich jede Form irgendetwas Erotisches hineinsehen, wenn man unbedingt will; die Frage ist, was damit ausgesagt wird. Männer haben verschiedentlich behauptet, das Bild sage aus, dass diese Frau nur Sex im Kopf habe; so zum Beispiel der Picasso-Biograf John Richardson.[3] Der jetzige Besitzer sieht das anders und hat gute Gründe dafür:

„Meine Wahrnehmung der sexuellen Aspekte des Bildes ist: Wenn Sie ein 51-jähriger Mann sind und Sie haben eine 21-jährige Freundin, dann ist klar, dass dies die Phantasie von Picasso ist, nicht die seiner Geliebten. Jeder 51-jährige Mann würde wünschen oder hoffen, dass sie von seinen Körperteilen träumt. Wenn Sie diese Ansicht übernehmen [...], wäre ein passenderer Titel Prendre ses désires pour des réalités, übersetzt als Wunschdenken.“
– Kelly Devine Thomas: Say It with Flowers—or Gourds, Goats, Fur Cups, or Fried. In: ARTNews, September 2006[2][4]

» Le Rêve

Ja, diese Ansicht hat etwas für sich. Selbstverständlich sind es allenfalls die Vorstellungen des Malers, die sich im Bilde materialisieren, nicht die der portraitierten Person. Die Fantasie der männlichen Betrachter sagt auch etwas über sie selbst aus, nicht unbedingt nur über das Bild. Und auch der Besitzer » Steve Wynn sagt etwas über sich selbst aus, wenn er diese Erkenntnis preisgibt. Er ist alt genug. Er weiß Bescheid. Er macht sich nichts vor.

Der von ihm vorgeschlagene neue Titel „Prendre ses désires pour des réalités“ spielt übrigens auf Picassos absurdes Theaterstück „Le Désir attrapé par la queue“ an, das auch im Film » Mein Mann Picasso zitiert wird. Zur großen Picasso-Feier 2011 in Zürich wurde es im Theater aufgeführt: » Wie man Wünsche beim Schwanz packt.

Und wie es sich gehört, wird Picasso wieder aufs Widerlichste über den grünen Klee gelobt. Ein Genie muss ja einfach großartig sein. Der Film ist bekanntlich beim Publikum durchgefallen. Mir persönlich gefällt er sehr gut, aber die Szene mit dem Theaterstück ist eine der vielen, die den Künstler als ekelhaften Narzisten darstellen.

Soviel zu Picasso und der durch ihn inspirierten Musterung des Hintergrunds. Diese dekorativen Elemente sind in meinem Bild zwar wirksam, aber nebensächlich. Immerhin fällt mir auf, dass der Hintergrund zweigeteilt ist und Jahre später die Aufteilung des Hintergrundes durch vertikale oder horizontale Linien geradezu charakteristisch geworden ist.

Genausowenig wie ich hier zu dieser Aufteilung etwas Sinnvolles sagen kann, gelingt es mir bei den späteren Bildern - aber dazu habe ich hier auch noch keine wirklichen Anstrengungen unternommen. Zu diesem Thema bin ich vor ein paar Tagen über folgenden Eintrag gestolpert:

Mit seiner Theorie des Bildbewusstseins wendet er [Ferdinand Fellmann] sich gegen das Dogma von der sprachlichen Erschließung der Welt. In mehreren programmatischen Aufsätzen hat er die Logik des Bildes als eigenständige symbolische Form zwischen Spur und Sprache herausgearbeitet. Den Primat des Bildbewussteins fasst er in Symbolischer Pragmatismus. Hermeneutik nach Dilthey (1991) in die Formel vom "imagic turn" (vergleiche: iconic turn), die besagt, dass Bilder eine magische Dimension besitzen, die sich nicht restlos in intentionales Bewusstsein auflösen lässt.
» Ferdinand Fellmann

Ich bin weit davon entfernt, zu verstehen, worum es hierbei geht, habe aber irgendwie das Gefühl, dass dies für mich wichtig sein könnte. Verstehe ich die Sätze richtig, so müsste ich mich damit abfinden, dass Bilder nicht wirklich verstanden werden können.

Inhaltlich hat mein Bild mit denen Picassos sehr wenig zu tun. Bei ihm handelt es sich wie immer um die Sicht des Voyeurs und Genießers, des Liebhabers und Gebieters, des Teufels und Sadisten, dessen Willkür vor nichts halt macht. Ich war erstaunt, bei » Norman Mailer zu lesen, dass Picasso nach seiner Wahrnehmung die Frauen gehasst habe, aber vielleicht hat er recht (» Picasso : Portrait des Künstler als junger Mann ; eine interpretierende Biographie).

*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Da das Picasso Project seit sptestens 24.01.2011 gesperrt ist, fhrt ein direkter Link nicht mehr zum Ziel; daher bin ich gezwungen, die erwhnten Werke hier zu reproduzieren und berufe mich dabei auf » Fair Use bzw. das » Zitatrecht.

 

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