180 cm - 71 inch
Werkgröße 58×45cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »17
Öl / Weichfaser
29.07.1973, » 58×45 cm (23×18")

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


» Femme  la mantille sur fond rouge I, Vauvenargues. 20.04.1959, 81x65 cm. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Dieses ziemlich verunglckte Werk war das erste Bild, mit dem ich zufrieden war, weshalb es Eingang in den Werkkatalog gehalten hat. Das Studium der Kunstgeschichte war zwar sehr interessant, brachte mich aber eigentlich nicht weiter. Eines Sonntagnachmittags war ich ziemlich verzweifelt. Ich hatte mich natrlich auch mit Picasso beschftigt und mich langsam zu seinem Alterswerk vorgearbeitet.

Die Erkenntnis, dass er in seinen Stillleben und Portraits aus der Vauvenargues-Zeit mit ganz groben Mitteln gearbeitet hatte, mit nur wenigen Farben, Schwarz, Grn, Rot und dem Wei der Leinwand, mit groben Pinseln und wenigen Strichen etwas hingeworfen und fr vollendet erklrt (siehe insbesondere »Femme la mantille sur fond rouge I), entfachte in mir die Energie und den Mut, ganz spontan ein Bild zu malen, ohne berhaupt irgendetwas im Sinn zu haben.

Das war eine Revolution, aber in meiner Verzweiflung habe ich es gar nicht bemerkt! Nach zwei Stunden hatte ich einen blauen Mann und war sehr zufrieden. Stolz zeigte ich ihn meiner Freundin, die allerdings etwas zu bemkeln hatte - die Kinnpartie oder so. Daraufhin setzte ich noch einmal an und alles ging verloren!

Ich war wieder verzweifelt! Wie konnte das sein? Weitere zwei Stunden kmpfte ich verzweifelt darum, den ursprnglichen Zustand wieder zu erreichen. Ganz ist es mir nicht gelungen, aber schlielich konnte ich einfach nicht mehr.


Dass es sich um ein Selbstportrait handelt, ging mir nicht auf. * Es ist natrlich nicht hnlich, abgesehen von uerlichkeiten wie der langen Nase, der Haartracht und dem Schnurrbart. So glaubte ich, eine Fantasiefigur vor mir zu haben. Das ist verwunderlich, da ich  Nummer 13 durchaus als Selbstportrait verstanden hatte. Verglichen mit jenem Werk ist sowohl die Farbgebung als auch die Zeichnung hier grottenschlecht.

Sehr bemerkenswert ist das Glcksgefhl, das ich bei der Arbeit und nach der Vollendung erlebte. Einmal ist ein solches Gefhl ja nicht selbstverstndlich, zum anderen ist es gerade bei diesem Bild eher unverstndlich. Im Vergleich mit den vorherigen Bildern wirkt es sogar wie ein Rckschritt. Ich habe aber offenbar etwas gesprt, was nicht wegzuleugnen war.

Und hnlich wie bei der Frage, warum eins der Madonnenbilder so ganz offensichtlich besser war als die anderen (siehe Kommentar  Nummer 11), musste ich mich auch hier mit dem Gefhl zufriedengeben. Gefhle aber gehrten in meine Welt nicht eigentlich nicht hinein, es sei denn es handele sich um romantische Beziehungen.

Obwohl Picasso mir durch sein Vorbild die Energie und Kraft gegeben hatte, einfach loszulegen und smtliche Vorstellungen und Vorstze hinter mir zu lassen, hat das Ergebnis mit seinem Werk nichts zu tun. Er hat plakativ und holzschnittartig gearbeitet, whrend dieses Bild versucht, realistisch zu sein und Oberflchen modelliert.

Es hat in diesem Sinne viel mehr mit Picassos Frhwerk zu tun, in dem er bekanntlich ebenfalls die blaue Farbe fr Hauttne einsetzte. Verglichen damit aber ist dieses Werk sowohl viel naiver als auch viel weniger sentimental. In diesem Bild findet man tatschlich etwas von mir, whrend man in den Bildern Picassos nichts von ihm findet, vielleicht mit Ausnahme des Werkes »La vie, das ursprnglich als Selbstportrait angelegt war, wie erhaltene Skizzen beweisen (»La vie [tude]). Spter hat er seinen eigenen Kopf gegen den seines Freundes Casagema ausgewechselt (»La mort de Carles Casagemas).

»Krishna, ca. 1900, Ausschnitt · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Die blaue Gesichtsfarbe entstand aus der bewussten Verzweiflung und dem Wunsch, es Picasso gleich zu tun und ohne Rcksicht auf Vorstellungen und Konventionen einfach nur loszulegen. Dieses Bild ist im Gegensatz zu den vorherigen nicht im Schlaf- und Arbeitszimmer vor dem Spiegel entstanden, sondern im Keller. Schlielich ist das Hantieren mit lfarben etwas aufwendiger, man braucht mehr Platz und macht auch mehr Dreck.

Im indischen Kulturkreis ist die blaue Farbe als Gesichtsfarbe allgegenwrtig; damit werden Gttlichkeiten bezeichnet. Das ist vielleicht interessant, insbesondere weil ich nicht glaube, dass mir das zu diesem Zeitpunkt bekannt war. Dass dieser Mann tatschlich auch indisch wirkt, ist mir nicht aufgegangen.

Der Hintergrund ist wohl Krapplack und es sieht aus, als htte ich einen Groteil der Farbe von der Weichfaserplatte wieder abgewaschen. Das Hemd ist im wrmeren Karminrot gehalten und genialisch locker skizziert. Der Gegensatz zwischen den warmen und kalten Rottnen bestimmt zusammen mit den Blautnen das Bild. Die bermacht an Rot legt nahe, dass die Probleme, die den Mann bedrcken, durchaus hei und bedrngend sind.

Abgesehen von den technischen und stilistischen Unzulnglichkeiten, die das Bild als typische Hobbyarbeit erscheinen lsst (was man von den vorherigen nicht sagen konnte), fllt die Innigkeit des Ausdrucks ins Auge. Dieser Mann schaut nach innen, und das ist neu. Er ist ernst und scheint bekmmert. Was ihn bekmmert, wird freilich nicht deutlich. Am Gesicht sieht man, dass ich mich ziemlich abgeqult habe. Wie das Bild vor der berarbeitung ausgesehen hat, kann man nur ahnen.

 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Der Zauber einer glcklichen Gestaltung ist unerklrlich. Wenn eine Linie nur um den Bruchteil eines Millimeters falsch sitzt oder nur geringfgig falsch gebogen ist, kann das ganze Wunder in Entsetzen umschlagen. Dasselbe gilt fr Farben, und damit wird zugleich die gesamte Problematik der Reproduktionstechnik deutlich.

Linien knnen exakt reproduziert werden, bei Farben ist das aus vielfltigen technischen Grnden so gut wie ausgeschlossen. Hinzu kommt, dass Farben bei unterschiedlicher Beleuchtung vllig unterschiedlich aussehen. Und schlielich wei keiner, wie eine bestimmte Farbe von einem anderen wahrgenommen wird.

Interessanterweise wirken meine Bilder auch in Schwarzwei; die Bcher, die ich 1998 produziert habe, darunter das erste komplette Werkverzeichnis, sind auf meinem Laserdrucker produziert worden, selbstverstndlich ohne Farben. Die Versuche zur Farbreproduktion damals waren noch sehr unbefriedigend. Farblaserdrucker gab es noch gar nicht.

Auch im Buchdruck kam die Revolution der Farbe ja erst Anfang der 70er Jahre. Mein groes Rembrandt-Buch » Horst Gerson: Titel Rembrandt Gemlde. Gesamtwerk von 1968 ist berwiegend schwarzwei. Mein erstes Picasso-Buch Gemlde und Grafik. Einleitung von Jrgen Gustav. Ramerding, Berghaus Verlag, (1972) hatte einige farbige Abbildungen auf schlechtem Papier und einige auf Hochglanzpapier, die einzeln eingeklebt waren. Wenn man das mit der groen Taschen-Ausgabe » Picasso von Warncke vergleicht! Enorme Fortschritte sind erzielt worden. Was Goethe oder Rembrandt dazu gesagt htten?
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Da das Picasso Project seit sptestens 24.01.2011 gesperrt ist, fhrt ein direkter Link nicht mehr zum Ziel; daher bin ich gezwungen, die erwhnten Werke hier zu reproduzieren und berufe mich dabei auf » Fair Use bzw. das » Zitatrecht.

 

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