180 cm - 71 inch
Werkgröße 70×60cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »163
Lack / Hartfaser
30.06.1974, » 70×60 cm (28×24")
Rückseite von » 161

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Dieses „Selbstportrait“ fand ich wiederum erschreckend.

Da fällt mir ein: Hat jemand Picasso einmal gefragt, wie er zu seinen Deformationen gekommen ist? Ich wüsste nicht. Man unterstellt immer, dass er bewusst nach Provokation gesucht hat. Aber vielleicht haben sich diese Formen ihm zumindest manchmal genauso ergeben wie mir? *

Aber es sind ja nicht nur die Formen, die erschrecken, es sind auch die Farben, die so entsetzlich unangenehm sind. » Martin Kippenberger soll mal mit seiner Gruppe einen Wettbewerb veranstaltet haben, wer das scheußlichste Bild malen könne. Ein solcher Wettbewerb ist natürlich absurd und Ausdruck einer fundamentalen Krise im Selbstverständnis der Künstler und in ihrem Verständnis von Kunst.

In dieser Hinsicht habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich wollte kein abscheuliches Bild malen. Und nun ist es da. Was fange ich damit an? Kann ich angesichts dieses Bildes über andere Bilder die Nase rümpfen, die willkürlich und erschreckend, abstoßend und grausam wirken?

Formal unterscheidet sich dieses Bild nicht von den anderen. Es ist auch nicht das Ergebnis einer Entwicklungsreihe, wie das bei Picasso zu beobachten ist, der eine Idee systematisch nach allen Richtungen austestet. Dieses Bild erscheint ebenso plötzlich und ohne Anlass wie etwa ein Albtraum.

Nun kann man ja nicht behaupten, dass meine Bilder sich bis dahin ausdrücklich um Schönheit bemüht hätten; viele Gestalten kann man durchaus mit Fug und Recht als hässlich bezeichnen, aber keine von denen war wirklich erschreckend. Diese Figur wirkt auf mich noch nicht einmal wie ein abgrundtief böses Wesen, sondern eher wie eine scheue, verhuschte Figur, die jemanden braucht, der sie lieb hat, eine üble Missbildung, vor der man einfach instinktiv zurückschreckt.

Gegenständlich gesehen handelt es sich um eine männliche Figur, die sich wie im Karneval verkleidet hat. Die mandelförmige Gestalt könnte eine Epaulette darstellen, der Hut könnte eine freie Darstellung eines » Zweispitz sein. Der Eindruck des Unangenehmen wird sicher dadurch erzeugt, dass bestimmte Formen zwar als solche interpretiert werden müssen, aber angemessen sind. So ist es so gut wie unmöglich, das Gesicht nicht als Gesicht zu lesen.

Zwei Punkte in einer Form werden so gut wie immer als Augen interpretiert. Wenn diese Augen nun nicht an der richtigen Stelle sitzen, also beispielsweise wie hier ganz an den Rand verschoben, ergibt sich der Eindruck des schrecklichen Unglücks, so als sei bei einem Unfall ein Auge herausgerissen oder ein Gesicht vollkommen zerquetscht.

Eine Nase hat zwar keine so deutlich abgesetzte Form wie etwa die Augenbrauen oder das Auge; eine Nase wirkt im wesentlichen durch Schattenbildung, und ein Schatten fällt eben ganz abhängig von der Beleuchtung mehr oder weniger stark in diese oder jene Richtung. Trotzdem kann dabei keine so diffuse und zermanschte Gestalt entstehen wie hier, es sei denn, wir hätten es mit den Folgen eines Unfalls oder einer willkürlichen Zerstörung zu tun.

Da fällt mir ein Bekannter aus meiner Referendarzeit ein, der eine sehr merkwürdige Nasenform hatte, die ebenfalls erschreckend wirkte. Ich traute mich aber nicht, ihn danach zu fragen, sondern versuchte, einfach darüber hinwegzusehen und mich daran zu gewöhnen, ganz wie bei den Freund meiner Eltern, dessen Mund und Kinn im Krieg notdürftig zusammengeflickt worden waren.

Gaston Julia (Konrad Jacobs » CC-BY-SA) · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Gaston Julia (Konrad Jacobs » CC-BY-SA)

Es kommt natürlich vor, dass Menschen Zerstörungen im Gesicht erleiden und dadurch erschreckend auf ihre Umgebung wirken. Das » Phantom der Oper thematisiert dieses Problem auf abartige Weise, aber es gab auch Menschen im wirklichen Leben, die Gesichtsmasken trugen, um Entstellungen zu verbergen.

1914 wurde er als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg eingezogen und bei seinem ersten Gefecht im Januar 1915 schwer verwundet, eine Kugel traf ihn ins Gesicht und zerstörte die Nase, so dass er nach mehreren erfolglosen Wiederherstellungs-Operationen für den Rest seines Lebens einen Lederriemen im Gesicht trug.

» Gaston Maurice Julia

Gaston Julia beschrieb 1918 die » Julia-Menge, ein Phänomen, das in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch » Benoît Mandelbrot unter dem Namen » Fraktal weltberühmt und millionenfach als Dekoration oder gar Kunst reproduziert wurde.

Gesichtszerstörungen können für die Mitmenschen so verstörend sein, dass die betroffenen Menschen sich vollständig aus dem Leben zurückziehen, wie es ja auch das Phantom der Oper gemacht hat. Aus diesem Grunde bemüht sich die moderne Medizin, durch plastische Maßnahmen angenehme und normale Formen zu schaffen, so dass die Menschen im Idealfall überhaupt nicht auffallen. Neulich bin ich auf eine solche Praxis gestoßen und war sehr überrascht, was man heute machen kann.

Aber es sind ja nicht nur die Augen und die Nase, die irritieren, sondern auch der Mund, der eigentlich keiner ist, sondern ein senkrecht zweigeteiltes Herz mit Umrandung, wie eine Emaillearbeit, wobei die beiden Rottöne und die beiden Halbformen sich auch noch leicht unterscheiden.


© Copyright Werner Popken. 
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Statt eines Mundes könnte man vielleicht auch eine Mundhöhle lesen, aber auch das passt nicht recht, da man dann Zähne sehen müsste, wenn die Lippen diese nicht bedecken oder sie gar ganz fehlen würden, was in beiden Fällen ebenfalls unangenehm wäre; auf jeden Fall stört die senkrechte Mittellinie, weil man eine waagrechte erwartet. Wie immer ein Mund aussieht, Oberlippe und Unterlippe bilden einen Schatten, der mehr oder weniger waagerecht verläuft. Der Mund ist im Vergleich mit den Augen eher noch weiter von der bezeichneten Form entfernt und trägt dadurch zum Erschrecken mindestens ebenso bei wie die schemenhafte Nase.

Genug der Worte - jetzt will ich sehen, wie sich dieses Bild an der Wand bewährt.


No. 6 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 162 105x122cm, 22.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 6 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 162 105x122cm, 22.06.1974
 


No. 7 » 161 70x60cm, 19.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 7 » 161 70x60cm, 19.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 8 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 160 60x65cm, 18.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 8 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 160 60x65cm, 18.06.1974
 


No. 9 » 158 63x50cm, 12.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 9 » 158 63x50cm, 12.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 10 » 157 63x50cm, 11.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 10 » 157 63x50cm, 11.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 11 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 154 85x63cm, 02.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 11 » 163 70x60cm, 30.06.1974 » 154 85x63cm, 02.06.1974
 


No. 12 » 151 104x123cm, 15.05.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 12 » 151 104x123cm, 15.05.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Es bleibt dabei: Dieses Bild ist mit Abstand das Unangenehmste, und dazu tragen die unangenehmen Farben gehörig bei. Genauer gesagt sind es natürlich nicht die Farben an sich, denn jede Farbe kann angenehm wirken, sondern die Zusammenstellung der Farben, die Disharmonie, die sich zwischen den Farben ergibt, insbesondere zwischen Rot und dem Orange. Der Vergleich mit  Nummer 148, das mit denselben Farben gemalt ist, zeigt dies deutlich:


No. 13 » 148 90x66cm, 19.04.1974  » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 13 » 148 90x66cm, 19.04.1974 sold/verkauft » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Ein schwieriges Bild. Mal sehen, was die Kollegen dazu sagen.


No. 14 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 14 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 15 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 15 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 16 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 16 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 17 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 17 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Ist nicht wahr, oder? Als ich den Tizian ausgesucht habe, glaubte ich, 163 könne den Vergleich auf keinen Fall aushalten. Aber merkwürdigerweise hält das Bild im Vergleich besser aus als mit meinen eigenen Bildern. Sehe ich wirklich recht?


No. 18 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 18 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 19 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 19 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 20 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 20 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 21 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 21 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


» Cézanne mag ich nun gar nicht, aber als Vergleich muss er dann doch wohl mal herhalten. Ob dies das richtige Bild ist? Vielleicht hätte ich doch ein anderes nehmen sollen. Von der Größe her passt es jedenfalls, und als typischer Cézanne geht es wohl auch durch.


No. 22 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 22 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 23 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 23 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 24 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 24 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 25 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 25 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Was sind denn das für Hände bei dem » Macke? Auch in der größten Auflösung bei Zeno reibt man sich die Augen.

Aber die größte Überraschung ist doch die Beobachtung, dass mein Bild im Vergleich mit denen der Kollegen gar nicht so erschreckend wirkt. Wie kommt das denn nun wieder? Ich mache noch mal die Probe mit der zweitgrößten Annäherung:


No. 26 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 26 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 27 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 27 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 28 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 28 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Tja, ich kann mir nicht helfen, es ist an dem. Oder sollte dies daran liegen, dass ich mich inzwischen an diese ungewöhnlichen Formen gewöhnt habe? Schreckliches bleibt ja nicht schrecklich, wenn man damit auf die Dauer konfrontiert wird, man gewöhnt sich sozusagen an alles, und schließlich kann man sogar das Schreckliche liebgewinnen, was bekanntlich in dem Märchen » Die Schöne und das Biest thematisiert wird.

Diese Prozesse lässt sich ja leicht überprüfen, ich brauche mir nur noch mal die oberen Paarungen anzuschauen, in denen 163 mir unangenehm vorkam. Und in der Tat: Nach wie vor wirkt das Bild dort unangenehm, wesentlich unangenehmer als mit den Kollegenbildern.

Sollte das daran liegen, dass ich hier eine nähere Distanz gewählt habe? Auch das lässt sich ja überprüfen, wobei ich hier aus Bequemlichkeit, statt die eigenen Bilder näher ranzuholen, die Kollegen aus der Distanz betrachte.


No. 29 » 157 63x50cm, 11.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 29 » 157 63x50cm, 11.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 30 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 30 » Macke: Porträt mit Äpfeln 66x60cm. 1909 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 31 » 161 70x60cm, 19.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 31 » 161 70x60cm, 19.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 32 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 32 » Cézanne: Mann mit Pfeife 73x60cm. 1892 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 33 » 158 63x50cm, 12.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 33 » 158 63x50cm, 12.06.1974 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 34 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 34 » Tizian: Porträt eines Mannes (L’Ariosto) 81x66cm. 1510 » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


No. 35 » 148 90x66cm, 19.04.1974  » 163 70x60cm, 30.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 35 » 148 90x66cm, 19.04.1974 sold/verkauft » 163 70x60cm, 30.06.1974
 


Ich glaube jetzt, dass der Unterschied daher kommt, dass 163 so verschieden ist von den Ansätzen der Kollegen, dass sein Eigenwert mir bei einer solchen Anpaarung direkt ins Auge springt. Es ist von vornherein klar, dass Vergleichbarkeit in diesem Sinne gar nicht sinnvoll und möglich ist und jedes der beiden Bilder für sich gewürdigt werden muss.

Warum aber kommt es mir dann weniger scheußlich und erschreckend vor?

Noch etwas fällt auf: Das Bild ist insofern mit denen der Kollegen vergleichbar und auf einer Höhe, als alle Bilder von derselben tiefen Ernsthaftigkeit und Integrität durchdrungen sind. Hier wird nichts vorgetäuscht; jeder Maler versucht sein Bestes zu tun und weder sich noch den Betrachter zu belügen oder zu betrügen.

Wenn man sich den Tizian anschaut, wird klar, dass es hier nichts zu verbessern gibt. Das Äußere ist perfekt wiedergegeben; der Kunde wird zufrieden gewesen sein. Tizian zeigt einen selbstbewussten, kalten, rücksichtslosen Machtmenschen in der Blüte seiner Jahre mit dem vollen Anspruch auf Anerkennung seiner Rolle und Position.

Bei Cézanne fragt man sich, was er will und was das Bild soll. Dieses Bild ist völlig ungenießbar, und komme mir keiner mit irgendwelchen Ausflüchten hinsichtlich Bildaufbau oder dergleichen - das Ist ja lachhaft, da muss man sich zum Vergleich nur mal den Tizian anschauen, wenn man wissen will, was Bildaufbau heißt. Der Portraitierte ist lediglich Vorwand für Cézannes hilflosen pinseltechnischen Übungen, ein trauriger Geselle, dessen Gesicht und Mund auf der rechten Seite seltsam deformiert erscheint. Man kann kaum mehr von ihm sagen als dass er das Unglück hatte, Cézanne modellsitzen zu müssen.

Macke ist offensichtlich schwer verliebt, in seine Frau und in die Farben, hier kommt eine Menge persönlicher Gefühle hinein, so dass die Frage nach Ähnlichkeit und Äußerlichkeiten kleinlich erscheint. Sein Bild ist wie ein Versprechen; die Frau kommt herein und bewegt sich. Es wird etwas passieren.

Sie bringt Äpfel, seit Adam und Eva ein Symbol der Versuchung, und sie bringt diese Äpfel ganz offensichtlich dem Maler, mit einem versonnenen Lächeln im Gesicht, so als hätte sie vor, ihn gleich zu verführen. Der Schal und das Kleid umschmeicheln ihre Gestalt und warten darauf, abgestreift zu werden. Dieses Bild ist im Grunde nur für die beiden Liebenden bestimmt, der Betrachter wird zum Voyeur, zum Teilnehmer eines Geschehens, an dem er keinen Anteil hat.

Demgegenüber ist mein Bild wild und brutal, gewalttätig und aufgewühlt. Diese Person, wenn man davon sprechen kann, schaut den Betrachter direkt an. Es ist ein bittender Blick; diese Figur will nicht erschrecken, sie braucht im Gegenteil Hilfe, aber sie weiß, dass sie abstoßend wirkt und keiner sie mag und hat deshalb auch keine Hoffnung. Vielleicht ist es gerade diese Hoffnungslosigkeit, die den Betrachter niederschlägt.

Eine Besonderheit der Gestalt bringt mich jetzt auf eine Idee, die vielleicht zielführend ist. Ich habe das Thema schon bei  Nummer 116,  Nummer 119 und  Nummer 121 angesprochen. Die Tatsache, dass mir diese Deutungsmöglichkeit erst jetzt, nach intensiver Betrachtung und Auseinandersetzung, auffällt, zeigt, dass, selbst wenn die Deutung richtig wäre, mir die Bedeutung des Bildes keineswegs deutlich wurde.

Ein Gesicht hat normalerweise eine bestimmte Form, oval, vielleicht auch etwas spitz, aber eigentlich eher selten rechteckig-unförmig wie hier. Und schließlich dämmerte mir: Könnte es sich um einen Peniden handeln?

Natürlich hat ein Penis keine Augen und keinen Mund. Naja, bei dieser Gelegenheit fällt mir gleich wieder eine Situation ein, die mir im Gedächtnis geblieben ist, weil sie mich verlegen machte. Ich war wohl noch Jungfrau, da erzählte mir Uta, die mit Manfred das prächtigste Zimmer unserer Berliner Wohnung bewohnte, das wir anderen vermieten mussten, von einem Film, der damals wohl gerade herausgekommen war und Furore machte, » Besonders wertvoll (1968) von » Hellmuth Costard, in dem eine Frau die Harnröhrenöffnung eines Penis so manipuliert, dass dessen „Lippen“ sich synchron zum Ton bewegen.

Später fand ich dann bei » John Berger in seinem 1963 veröffentlichten Buch The Success and Failure of Picasso (deutsch » Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso) im Zusammenhang mit der Erörterung einer Skulptur, die als Beispiel für Picassos Größe dient und von Berger dahingehend interpretiert wird, dass sich in diesem überdimensionalen Kopf die Geschlechtsorgane der Liebenden wiederfinden, folgende Bemerkung:

Dieses Gesicht - oder dieser Kopf - verkörpert das sexuelle Erlebnis zweier Liebender, wobei die Augen auf den Beinen sitzen. Welches Sinnbild könnte besser die gemeinsame Subjektivität ausdrücken als das Lächeln eines solchen Gesicht?

Es kann sein, dass Picasso unbewusst auf die Metapher gestoßen ist. Doch später spielte er bewusst mit dem Einfall, einen Kopf im einzelnen mit sexueller Bedeutung besetzte Teile zu verwandeln. Die Entwicklung dieses Prozesses lässt sich in einer Folge von Zeichnungen erkennen. [Abb. 83]

Ähnlich wie das Bild »Liegender Akt und Musizierende« (doch längst nicht so gelungen) sind sie Darstellungen einer hasserfüllten Ohnmacht. [Abb. 84]

a.a.O., Seite 195,196

In diesem Sinne könnte 163 Ausdruck einer Frustration sein, eines unerfüllten Verlangens, eines tiefsitzenden Schmerzes, einer uneingestandenen Scham eines wichtigen männlichen Körperteils, der merkwürdig unabhängig vom Willen seines Besitzers verhält. Da ist einer, der vital ist und leben möchte, aber keinen Platz findet.

Die Erfindung des Begriffs „Penide“ von » Arno Schmidt scheint sich aber nicht durchgesetzt zu haben. Ich habe außer meinen eigenen Beiträgen nur eine einschlägige » Illustration über einem Originaltext von Schmidt-Illustrator » Jens Rusch und zwei Essays vom Schmidt-Jünger » Wolfram Schütte gefunden, der diesen Begriff natürlich ebenfalls kennt und gelegentlich verwendet:

[...] welche dominante Rolle im Schaffen des „Peniden“ (Arno Schmidt) Heinrich Mann die Frauen spielten [...] Der französische Malerzeitgenosse Auguste Renoir, der die gleiche Liebe zum schwellenden weiblichen Fleisch (wie der Rubens-Bewunderer Heinrich Mann) besaß und es in vielen seiner weiblichen Akte in impressionistischem Glanz feierte, hat einmal gesagt, er habe „mit dem Penis“ gemalt; Heinrich Mann, vermutlich, aber nicht selten damit geschrieben.

» Wolfram Schütte: „Mein Hauptinteresse war und blieb die Frau“
über » Willi Jasper: » Die Jagd nach Liebe: Heinrich Mann und die Frauen,
eine Untersuchung über » Heinrich Mann (10.05.2007)

Oje! Man kann viel schreiben, wenn der Tag lang ist! Mit dem Penis malen! Der alte, gichtige » Renoir, der hat doch zum Schluss nicht mal mehr seine Finger rühren können! Dafür wurden die Bilder desto schwüler. Renoir habe ich schon 1998 mit » Rubens konfrontiert, sehr zum Nachteil von Renoir: » Three graces - Bather Arranging her Hair. Ich wollte jedenfalls nicht von mir sagen müssen, ich hätte mit dem Penis gemalt - wie peinlich!

Freilich spielt die Sexualität in meinem Werk eine sehr große Rolle, gar keine Frage. Allerdings eher in Bezug auf die Persönlichkeit und die Beziehung zwischen Liebenden. Schließlich sind wir alle mit der Sexualität in der einen oder anderen Weise geschlagen oder gesegnet, wie man will, und müssen uns dazu verhalten, ob wir wollen oder nicht.

Hier wäre dann also bei dieser Lesart das Leiden des kleinen Mannes dargestellt, der sich als hässlich und abstoßend empfindet, den das Objekt seiner Begierde in seiner Vorstellung nur fliehen kann, der also notwendigerweise frustriert bleiben muss.

Nun habe ich damals jedenfalls deutlich mehr Geschlechtsverkehr gehabt als die Durchschnittszahlen diverser Umfragen ergeben. Es geht aber offenbar gar nicht so sehr um die Quantität als vielmehr um die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Als Kind der prüden und verklemmten bundesrepublikanischen Gesellschaft hatte ich, hatten wir es nicht leicht, ein befriedigendes Verhältnis zu meiner und unserer Sexualität zu gewinnen, und wie sich langsam herausstellt, ging es den anderen, die teils bis heute als Helden der sexuellen Befreiung gefeiert wurden, nicht anders.

Getty: Die Jungen heute romantisieren gern, die finden die Klamotten, die Musik toll. Aber es war wahnsinnig schwierig damals. Bis 1972 konnte man kein Konto eröffnen als Frau oder ein Hotelzimmer nehmen als Paar. Wenn ein Freund zum Übernachten kam, egal ob man schon 20 war, konnten die Eltern ins Zuchthaus kommen. Wir wollten endlich diese Grenzen brechen.

Winkelmann: 1971 kam ich nach Berlin, und die Frauen trugen alle keinen BH. In einem Klub habe ich dann auf der Toilette auch meinen ausgezogen und runtergespült. BHs waren dazu da, Frauen zu zähmen, und der Körper musste ja befreit werden. Wir trugen auch keine Unterhosen, das war revolutionär.

Welt am Sonntag: Wie versext war die Zeit wirklich?

Getty: Ich bin nie gekommen.

Welt am Sonntag: Pardon?

Getty: Ich war schon über 30, als ich überhaupt davon hörte, dass man auch kommen kann als Frau. Ich wollte das unbedingt kennenlernen, aber ich bin relativ orgasmusunfähig.

Winkelmann: Wir waren doch total verklemmt. Sex war ein angstbesetztes Thema, es ging überhaupt erst mal um das Entdecken des eigenen Körpers. Nacktheit war ja zu Hause immer tabu. Mein Sohn hatte auch mal so eine Phase, wo er vor mir nur in Badehose geduscht hat. Aber da war er in der Pubertät.

Getty: Ich war 16 beim ersten Kuss. Danach hatte ich Panik, dass ich schwanger bin und das Kind jeden Moment aus meinem Bauchnabel rauskommt. Da kommen die Babys her, hatte uns unsere Mutter gesagt.

Winkelmann: Ich war 18 beim ersten Mal. Ich hatte es genau geplant, ich wollte endlich wissen, wie es ist, mit einem Mann zu schlafen. Danach war ich so enttäuscht.

Dagmar von Taube: » "Wir waren doch total verklemmt" Wilde Zwillinge der 70er über Drogen und Sex

Ja, so war das wohl damals. Kann man sich das heute noch vorstellen? Und wie ist es heute wirklich? Vermutlich auch nicht so, wie es immer dargestellt wird. Es ist sicher auch heute nicht einfach.
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
hnliche Rahmen knnen bei » Kunstkopie, » artoko und anderswo erworben werden.

 

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