180 cm - 71 inch
Werkgröße 42×30cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »16
Kohle / Papier
12.11.1972, » 42×30 cm (17×12")

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Frontalportrait in Kohle - nun war ich zufrieden, so erkannte ich mich wieder. Sicherheitshalber lie ich bei der zentralen Kopierstation in der Universitt Bielefeld eine Fotokopie anfertigen. Merkwrdigerweise ist diese heute verschollen. Ein mir entfernt bekannter Professor stand zufllig hinter mir in der Schlange und fragte: „Haben Sie das gemacht?“ Anscheinend war er beeindruckt. Ich bildete mir dennoch nicht allzu viel darauf ein, denn im Grunde war ich wieder unzufrieden. Das war es ebenfalls nicht, was ich suchte. * Was war es dann?

Diese Zeichnung ist fnf Tage spter entstanden als die vorige und war die zweite vom selben Tage. Anscheinend habe ich viel aus dieser Produktion vernichtet, denn das erste Blatt dieses Tages beispielsweise ist heute nicht mehr auffindbar. Es ist ein Wunder, dass das Original einigermaen unbeschdigt erhalten geblieben ist - Kohlezeichnungen sind extrem empfindlich. Irgendwann habe ich diese auf eine Holzspanplatte aufgezogen (vermutlich wenig fachgerecht) und mit einem zarten Naturholzrahmen versehen.

Manches an dieser Zeichnung ist virtuos angehaucht, beispielsweise das Hemd, und es wird deutlich, welche technischen Finessen ich htte entwickeln knnen, wenn ich gewollt htte; andere Partien zeugen von meiner ngstlichkeit, die aus mangelnder Erfahrung resultiert - Kohle ist ja nun nicht gerade einfach zu handhaben. Soweit ich mich erinnern kann, ist dies die einzige Kohlezeichnung, die ich nach der Schulzeit angefertigt habe.

Natrlich hatte ich Respekt vor der Technik und mir schon damals in Berlin berlegt, mein Problem knnte vielleicht sein, dass ich die Kunst nicht studiert hatte. Da ich aber das Mathematikstudium nicht abbrechen wollte und auch nie ernsthaft daran dachte, mich an einer Kunstakademie einzuschreiben, stellt sich die Frage, ob ich berhaupt angenommen habe, man knne die Produktion von Kunst an einer solchen Einrichtung lernen. Vermutlich nicht. Auerdem wollte ich ja auch gar nicht Knstler werden.

Ich zog einen anderen Schluss aus meinem Dilemma: Vermutlich sei ich eher handwerklich begabt und sollte mich deshalb der Fotografie widmen, was ich dann ja auch drei Jahre lang getan habe. Aber die Fotografie war es auch nicht, wie ich durch diese Erfahrung feststellen konnte.

Fertigkeitsniveau zum Ende des Portraitzeichenkurses · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork  CC BY-SA
Dass Technik nicht nur fr mich kein Problem ist, sondern ganz generell, habe ich spter im Kunstunterricht der Oberstufe erfahren, wo ich 1979 am » Ulrichsgymnasium Norden als Studienrat innerhalb eines Semesters einem ganz normal zusammengesetzten Kurs ohne weiteres beibringen konnte, realistische Portraitzeichnungen anzufertigen, die sich berall sehen lassen knnen, wo nur noch die konsequente bung fehlte, um den Prozess schneller ablaufen zu lassen: Dann htten diese jungen Leute sich sogar ein Taschengeld auf dem Montmartre verdienen knnen. Dabei hatte ich es doch selber gar nicht gelernt!

Im Grunde kann das nicht verwundern, denn noch vor 200 Jahren gehrte es zur brgerlichen Grundbildung, vernnftig zeichnen zu knnen, es wurde von jedem erwartet. Selbstredend hat Goethe seine » Christiane gezeichnet. Man zeichnete genauso selbstverstndlich wie man schrieb, las, sang oder musizierte. Heute verlangt man lediglich die Fhigkeit zum Lesen und Schreiben, die aber von jedem, der nicht gerade hochgradig behindert ist. Das ist eindeutig ein Verlust an kulturtechnischen Leistungen, der nicht zuletzt dem Wandel in der Kunstauffassung durch die Moderne Kunst geschuldet ist.


Interessanterweise wurde dieser Kurs „Portraitzeichnen und Krperstudien“ von den Schlern gewnscht und vom Schlervertreter vorgetragen, der dem Ausschuss der Lehrer angehrte. Man denke! Die Schler mchten so etwas lernen, aber keiner meiner Kollegen traute sich einen solchen Kurs zu, vermutlich weil sie es selbst nicht konnten. Was sagt uns das ber den modernen Kunstunterricht? Ich dagegen erklrte mich gern bereit und habe viel Freude daran gehabt. Gerne htte ich auch selbst gezeichnet, aber leider konnte ich mich nur nur einmal fr 20 Minuten hinsetzen, weil ich sonst immer Hilfestellungen geben musste. Diese Zeichnung habe ich sogar ins Werkverzeichnis aufgenommen:  Nummer 260.

Die Nasenpartie ist in einem Frontalportrait besonders problematisch und mir hier recht gut gelungen, whrend die Schatten unter dem Kinn beziehungsweise die Kinnlinie etwas zu wnschen brig lassen, jedenfalls auf der Reproduktion. Die Augenpartien sind etwas schwach, besonders die linke, aber vermutlich waren sie auch noch ganz jung und frisch, gar nicht zu vergleichen mit ihrem jetzigen Zustand, der zeichentechnisch vermutlich wenig Probleme bereiten wrde.

Beeindruckend finde ich immer noch die Prsenz dieses Portraits, die neben den Augen vor allem dem Mund geschuldet ist. Der Blick ist wieder einmal bemerkenswert, und eine gewisse Traurigkeit ist sprbar. Je lnger ich mir das Gesicht anschaue, desto mehr gefllt es mir (im Moment habe ich gerade die maximale Auflsung, ich sehe also nur einen Teil der Zeichnung, nur das Gesicht).

Dieser junge Mann schaut aus dem Spiegel heraus und wei nicht, warum er berhaupt hineinschaut. Es mangelt ihm an Selbsterkenntnis, was er aber nicht wei, und er wei auch nicht, dass dies der Grund ist, weshalb er in den Spiegel schaut. Er mchte wissen, wer er ist. Aber immerhin sprt er, dass er auf diese Weise nicht weiterkommen wird. Es dauert allerdings noch eine Weile, bis ihm diese Erkenntnis dmmert. Fr mehr als ein halbes Jahr stellte ich die Produktion ein und wandte mich wieder dem Studium der Kunstgeschichte zu. Die Erkenntnismglichkeiten dieses Weges hatte ich anscheinend ausgeschpft.
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007

 

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