180 cm - 71 inch
Werkgröße 63×45cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. 155
Lack / Pappe
09.06.1974, » 63×45 cm (25×18")
Rückseite von » 94

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA



Hier hatte ich es wieder: So ging es mir. Ich war total verschanzt. Schwere Stahlplatten hatte ich vor mein Gesicht geschoben. Misstrauisch blickte ich dahinter hervor. Schlimm, schlimm. *

Welch ein Kontrast zum vorhergehenden Bild, und welch eine Steigerung und Verdichtung gegenüber 145! Dies ist eine ganz eigene Erfindung, das Bild hat eine ungeheure Wucht, wenn man sich darauf einlässt, aber ich wollte mich eigentlich nicht darauf einlassen. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sonst sich darauf hätte einlassen wollen.

Dabei hätte ich doch wissen müssen, dass Kunstliebhaber durch nichts zu erschrecken sind und gerade die extremen Herausforderungen suchen. Ob dieses Bild im historischen Vergleich nun wirklich extrem ist, möchte ich zudem bezweifeln. Picasso hat schlimmere Sachen gemacht.

Immerhin habe ich begriffen, dass dieses Bild etwas Besonderes ist. Es ist sicherlich nicht angenehm, kein leichter Schmuck für die Wohnung, aber wollte ich das? Anscheinend schon. Beispielsweise sind 144 und 148 ja durchaus dekorativ und angenehm anzuschauen. Da war Picasso doch wesentlich weiter, wenn er behauptete, dass Kunst nicht dazu da sei, die Wohnung zu dekorieren.

Aber aufhängen wollte er die Bilder wohl schon. Sie waren ja für die Wand gemacht und mussten sich an der Wand bewähren. 1945 hatte er ja dann die Ehre, seine Bilder im Louvre neben die der geadelten Kollegen aufhängen lassen zu können. Also ans Werk und getestet, was das Zeug hält! Fangen wir mit dem vorigen an.


No. 1 » 155 63x45cm, 09.06.1974 » 154 85x63cm, 02.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 1 » 155 63x45cm, 09.06.1974 » 154 85x63cm, 02.06.1974
 


Welche Freude, dieses Bild endlich einmal an der Wand zu sehen! Es macht sich wirklich gut. Und es beißt sich überhaupt nicht mit seinem Vorgänger. Die versteckten Tiere kommen merkwürdigerweise sehr deutlich heraus, jedenfalls kann ich sie gar nicht ausblenden. Falls Sie sie nicht sehen: Am Ende werde ich sie noch einmal herauspräparieren.


No. 2 » 155 63x45cm, 09.06.1974 » 94 63x45cm, 22.01.1974 » 143 124x90cm, 01.05.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 2 » 155 63x45cm, 09.06.1974 » 94 63x45cm, 22.01.1974 » 143 124x90cm, 01.05.1974
 


Vorder- und Rückseite zusammen - das ist schon ein Fortschritt.


No. 3 » 139 80x99cm, 16.04.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 3 » 139 80x99cm, 16.04.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


No. 4 » 138 80x99cm, 14.04.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 4 » 138 80x99cm, 14.04.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


No. 5 » 144 124x90cm, 01.01.1974  » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 5 » 144 124x90cm, 01.01.1974 sold/verkauft » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


No. 6 » 150 89x70cm, 13.05.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 6 » 150 89x70cm, 13.05.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


No. 7 » 151 104x123cm, 15.05.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 7 » 151 104x123cm, 15.05.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


No. 8 » 153 53x37cm, 01.06.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 8 » 153 53x37cm, 01.06.1974 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


Ich bin zufrieden, dieses Bild hält sich erstaunlich gut. Nun kommen die Kollegen dran. Am besten wäre natürlich modernere Bilder, die plakativer und brutaler gemalt sind, aber da die alle noch so jung sind und das Zitatrecht sehr eng ausgelegt werden kann, will ich hier kein Risiko eingehen. Wer von den Alten käme hier in Frage?


No. 9 » Cranach d. Ä.: Judith 86x59cm. 1. Drittel 16. Jh. » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 9 » Cranach d. Ä.: Judith 86x59cm. 1. Drittel 16. Jh. » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


» Cranach d. Ä. hat dieses Bild mindestens viermal in unterschiedlicher Fassung gemalt (siehe » Judith). Immer hat er versucht, das menschliche Drama hinter dieser Geschichte deutlich werden zu lassen, die Frau in ihrer Seelenverfassung zu schildern.

» Caravaggio: Judith köpft Holofernes.
144x195cm. 1598 · © Copyright Werner Popken. 
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» Riedel: Judith.
131x96cm. 1840 · © Copyright Werner Popken. 
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Diese Frauen haben gemordet. Sie haben ihre weibliche Verführungskraft eingesetzt, gelogen, getäuscht und sich verstellt, um den verführten Mann in seiner Schwäche auszunutzen und zu töten (» Holofernes).

Cranach beschreibt nun nicht die blutige Tat selbst, auch nicht die triumphierende Präsentation der entsetzlichen Trophäe vor den Angehörigen des eigenen Volkes, sondern den Moment des einsamen Innehaltens, wo der Mörderin ohne fremdes Zutun die Tragweite ihrer Tat bewusst wird, wo sie sich durch die Stimme ihres Gewissens als schuldbeladen erkennt, dies aber trotzig akzeptiert.

Dabei charakterisiert er die Frau auch als verschlagen, gemein, kalt, gefühlsarm, rücksichtslos und hinterhältig, ganz im Gegensatz zur heroischen Rolle in der jüdischen Überlieferung, die drei Monate Festivitäten nach sich zog.

Diese der erzählten Geschichte durchaus angemessene Deutung, die der Interpretation » Hebbels in dessen Schauspiel » Judith schon sehr nahekommt, wird sofort deutlich, wenn man sich als Kontrast beispielsweise die Interpretation von » Caravaggio ansieht, bei dem Judith eine unschuldige Schönheit vom Lande ist, oder die Judith von » August Riedel, die einfach nur verführerisch und ansonsten ziemlich leblos ist.


No. 12 » Hals: Malle Babbe. 75x64cm. 1629-1630 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 12 » Hals: Malle Babbe. 75x64cm. 1629-1630 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


Warum die Malle Babbe von » Frans Hals so berühmt ist, kann ich nicht recht nachvollziehen. Besonders aus der Nähe wird deutlich, dass er sein Ziel nicht recht erreicht hat. Der Ausdruck wirkt gekünstelt, er überzeugt nicht, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Gesichtszüge im trunkenen Zustand kaum zu kontrollieren sind.

Besondere Bedeutung erlangte das Bild durch die Malweise, die für die Arbeiten des 17. Jahrhunderts untypisch ist und in ihrer stilistischen Ausführung eher an die Impressionisten des 19. Jahrhunderts erinnert. Das Bild wurde mit kurzen, sehr kräftigen Pinselstrichen gemalt und lässt die für seine Zeit typischen feinen Ausführungen von Details vermissen. Einzelne Aspekte wie etwa die Schleife der Schürze wirken durch nur wenige Pinselstriche flüchtig und schnell eingefügt, wodurch das Bild auf den Betrachter sehr dynamisch und lebendig wirkt.
» Malle Babbe

Mit anderen Worten: Die Späteren benutzen dieses Bild, um ihre eigenen Absichten zu erhöhen? Für mich ist Frans Hals ein kalter Virtuose, der sein Handwerk ohne innere Beteiligung ausübt. Ganz im Gegensatz zu van Gogh.


No. 13 » Gogh: Porträt des Eugène Boch. 60x45cm. 1888 » 155 63x45cm, 09.06.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 13 » Gogh: Porträt des Eugène Boch. 60x45cm. 1888 » 155 63x45cm, 09.06.1974
 


Der Vergleich mit » Vincent van Gogh ist nicht ganz fair, weil mein Bild auf die Entfernung weniger verliert und seins dadurch ins Hintertreffen gerät, weil dessen wunderbare Einzelheiten nicht mehr erkennbar sind. Mein Bild gewinnt zwar aus der Nähe ebenfalls, die Dichte der Farbe und die Virtuosität des Auftrags werden auch erst dann erkennbar, aber die Wirkung hängt nicht so sehr davon ab.

Es ist erstaunlich, was van Gogh über seine Bilder zu sagen hat. Er entspricht dem üblichen Klischee des Künstlers, der genau weiß, was er will, und das dann einfach umsetzt.

Die bloße Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit war nicht das Ziel van Goghs. Vielmehr lag ihm daran, das Wesentliche und Charakteristische seiner Motive zum Ausdruck zu bringen sowie die Gefühle, die er ihnen gegenüber empfand. So sagte er zum Porträt von Eugène Boch: „Ich möchte in das Bild die Bewunderung legen, die Liebe, die ich für ihn empfinde. […] Hinter dem Kopf […] male ich das Unendliche, ich mache einen einfachen Hintergrund vom sattesten, eindringlichsten Blau, das ich zustande bringen kann, und durch diese einfache Zusammenstellung bekommt der blonde, leuchtende Kopf auf dem sattblauen Hintergrund etwas Geheimnisvolles wie der Stern am tiefblauen Himmel.“ (Brief 520). Und über seine späten Landschaftsbilder aus Auvers schrieb er: „Es sind endlos weite Kornfelder unter trüben Himmeln, und ich habe den Versuch nicht gescheut, Traurigkeit und äußerste Einsamkeit auszudrücken […]“ (Brief 649). Die angestrebte Eindringlichkeit des Ausdrucks erreichte der Maler, indem er sowohl Formen als auch Farben veränderte; während er bei der Form zur Vereinfachung tendierte, übersteigerte er die Farbe.
» Vincent van Gogh

Ich hingegen weiß nicht, was ich malen werde, ich weiß noch nicht einmal, was ich ausdrücken will, ich lasse das Bild einfach kommen und bin ein Werkzeug. Das ist etwas völlig Neues.

Natürlich haben andere Künstler das mehr oder weniger ebenfalls erlebt; Picasso hat sich beispielsweise darüber beklagt, dass er etwas will und nachher doch etwas anderes daraus wird, „die Malerei“ sich also durchsetzt und tut, was sie will. Aber der Ansatz war doch auch bei ihm, erst einmal etwas zu wollen, und sich dann hinterher auch noch zu beklagen, wenn es ihm nicht gelang. Ich hingegen staune und versuche zu verstehen, was da entstanden ist.

Und was ist da entstanden? Ich habe immer angenommen, dass der Typ Angst hat und sich verschanzt, und das ist zweifellos auch richtig gesehen, aber er ist auch böse und verbittert, was sich vor allem in seinem zusammengekniffenen Mund ausdrückt. Besonders irritierend sind die Augen - das eine Auge gehört ja offenbar zu dem Typ, das andere aber eher zu der reptilienartigen Figur vor seinem Gesicht. Ach ja, ich wollte ja noch die beiden „Tiere“ herausarbeiten, das Reptil und den Vogel.


 Vergleich: manipuliert (links) und Original (rechts) · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 Vergleich: manipuliert (links) und Original (rechts) · © Copyright Werner Popken. 
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 Vergleich: vergrößert (links) und Original (rechts) · © Copyright Werner Popken. 
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Die Malerei ist so sicher und spontan, man könnte meinen, der Meister hätte das Bild gemalt; besonders köstlich der ganz einfach gestaltete, aber sehr ausdrucksvollem Mund. Ja, ich denke, dieses Bild kann man als ein Meisterwerk bezeichnen. Einige andere vorher vielleicht auch schon, wenn ich es recht überlege.

Das ist eine Überraschung für mich. Ich hatte immer gedacht, dass die ersten Meisterwerke jenseits der Nummer 200 auftauchen. Mal sehen, wie ich heute darüber denke, wenn ich dort angelangt oder gar ganz am Ende angekommen bin. Im Moment habe ich in Bezug auf einige spätere Bilder sehr ungute Gefühle, aber die hatte ich bezüglich der jetzt diskutierten Bilder noch mehr, und diese Vorbehalte sind inzwischen alle weg. Ich kann diese Bilder schätzen. Diese Mühe hat sich also wohl gelohnt. Und Spaß gemacht hat es auch noch. Kein Vergleich zur Malerei selbst, aber immerhin.

*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
hnliche Rahmen knnen bei » Kunstkopie, » artoko und anderswo erworben werden.

 

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