180 cm - 71 inch
Werkgröße 80×63cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »147
Lack / Hartfaser
29.04.1974, » 80×63 cm (31×25")
Rückseite von » 145

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Dieses Stillleben faszinierte mich. Abgesehen von der starken Präsenz, die schwer zu reproduzieren ist, hatte dieser Tisch drei Beine und fünf Ecken. Und Engelbrecht zählte noch weiter: vier Blätter, fünf und sechs Striche in den Blüten.

Die vier gefiel ihm gut, die fünf und sechs eher weniger. Das hatte mit der Zahlenmystik von C.G. Jung zu tun. Drei ist nach dessen Lesart unvollendet, vier vollkommen. Sollte das heißen, dass der Maler vollkommen ist, wenn er nur noch Vierheiten malt? *

Mit » Erich Engelbrecht hatte ich den ersten Intellektuellen kennengelernt, der trotz naturwissenschaftlicher Ausbildung (oder vielleicht gerade deswegen) voll auf die Mystik, um nicht zu sagen Irrationalität abfuhr. » C.G. Jung war ihm heilig, wie überhaupt das Wort heilig für ihn sehr wichtig war. Was C.G. Jung gesagt oder geschrieben hatte, war jenseits aller Kritik.

Das ist umso bemerkenswerter, als Engelbrecht Picasso gegenüber, für den er geschwärmt und den er gesammelt hatte, der nicht zuletzt dafür verantwortlich war, dass aus dem Ingenieur ein Künstler wurde, keinerlei Ehrfurcht an den Tag legte und ein erfrischend kritisches Urteil fällen konnte. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass die künstlerische Tätigkeit für ihn genauso rätselhaft war wie für mich. Die Inhalte kamen von irgendwoher, aber ganz bestimmt nicht aus dem Intellekt. Kein Studium konnte dabei behilflich sein.

In meiner Naivität und Vertrauensseligkeit sog ich jedes Wort von seinen Lippen ein und versuchte auf diese Weise, Grund unter meinen Füßen zu bekommen. Warum sollte mich dieses merkwürdige Bild faszinieren? Was war damit gesagt, zum Ausdruck gebracht?

Diese Fragen stellen sich natürlich bei anderen Bildern auch. Wenn » Vincent van Gogh seine alten Stiefel malt, darf man doch wohl auch fragen, wozu das gut sein soll. Die Ästheten kommen dann natürlich mit künstlerischen, malerischen Qualitäten, die über den Genuss definiert werden, so wie bei der Musik, wo es ja in der Regel nicht um Bedeutungen geht (sofern die Musik nicht lediglich illustrativen Charakter hat und Naturgeräusche oder Stimmungen nachahmen soll), sondern um den ästhetischen Genuss als solchen, die Freude an Klängen und deren Entwicklung in der Zeit.

Die abstrakte Malerei meinte sich ja von der dienenden Rolle der Kunst, die in früheren Zeiten zweifellos Personen, Gegenstände, Landschaften für die Nachwelt festzuhalten hatte, was inzwischen von Maschinen viel besser erledigt werden kann, emanzipieren zu können und zu müssen, und damit eine ähnliche Freiheit wie in der Musik erreicht zu haben, wobei merkwürdigerweise die Musik sich umgekehrt von ihrer Freiheit lösen wollte, indem sie Programme darzustellen suchte. Die heutige Filmmusik ist ja nichts anderes als Programmmusik und hat rein dienenden Charakter, muss die Bilder unterstützen und das Gesamtkunstwerk Film tragen.

Um den ästhetischen Genuss als solchen geht es bei diesem Bild aber offensichtlich nicht, wohl man natürlich jeglicher Gestaltung auch einen ästhetischen Genuss abgewinnen kann. » Leonardo Da Vinci hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die junge und alte Maler sehr viel lernen können, wenn sie immer wieder und gelegentlich sich mit Wolkenformationen oder verwitterten Wänden beschäftigen. Idealerweise soll ein Bild sowohl ästhetischen Genuss als auch Tiefgang haben, das heißt mehr als nur diesen Reiz bieten. Die Zahlenspekulation Engelbrechts geht natürlich in diese Richtung, nämlich auszuloten, inwieweit das Zeichen als Symbol gewertet werden kann für etwas Bedeutsames.

Die Unterscheidung von Zeichen und Symbolen, auf die C.G. Jung großen Wert legte, hat mir sehr eingeleuchtet. Ein Zeichen ist eine Verabredung: Verkehrszeichen beispielsweise. Sie verweisen lediglich auf das, wofür sie gedacht sind. Sie sind gewissermaßen eine Kurzschrift. Die Computer-Icons oder Smileys sind ebenfalls reine Zeichen. Unter Symbol versteht Jung hingegen etwas, dessen Bedeutung gar nicht fixiert werden kann. Ein Beispiel wäre das Kruzifix. Auf der gegenständlichen Ebene ist es einfach die Verkleinerung eines Kreuzes, wie die Römer es zur Kreuzigung benutzt haben. In diesem Sinne hätte das Kreuz nicht mehr Bedeutung als etwa die Verkleinerung eines Galgens oder einer Guillotine oder eines Henkerbeils. Der Symbolgehalt dieses Zeichens umfasst im Grunde die gesamten Inhalte der christlichen Religion, des von der Kirche ausgestalteten Dogmas und Ritus, der Glaubensvorstellung der Gläubigen und vielleicht noch mehr - er kann daher gar nicht ausgelotet werden. Damit trifft sich ein Symbol natürlich mit einem Kunstwerk, das sich desto weniger fassen lässt, je großartiger es ist.

Die Spekulationen über die Drei und die Vier führte C.G. Jung im Zusammenhang mit der katholischen Kirche aus, der er vorwarf, hinter den Bedürfnissen der Gläubigen zurückzubleiben, indem diese nämlich von der Trinität, der unvollständigen Dreiheit, schon lange zur Quaternität, der vollständigen Vierheit, übergegangen waren, und zwar durch die faktische Vergöttlichung der Jungfrau Maria, mit der das schmerzlich vermisste weibliche Element integriert wurde.

In diesem Sinne würden also die vier Blätter zumindest auf den Ansatz einer Ganzheit hinweisen, während die drei Beine um eins verkürzt, die fünf Ecken um eins erweitert wären und damit die Vierheit verletzen würden. Dumm nur, dass wir zwei Blüten und zwei Stängel haben, deren Innenstruktur nicht ganz eindeutig abzählbar zu sein scheint. Und dann gibt es ja auch noch den einen Blumentopf und die eine Tischdecke.

Hinsichtlich des Blumentopfes war Engelbrecht nicht verlegen: Er interpretierte die Erde als Auge, aus dessen Pupille die Pflanze sprießt. Das fand ich ziemlich weit hergeholt, obwohl damit die eigentümliche Form des Blumentopfrandes plausibel erscheinen würde, denn dieser müsste ja eigentlich elliptisch sein und dürfte keine Ecken haben. Insgesamt brachte mich dieser Ansatz aber nicht weiter. Seither sind zwei Jahrzehnte vergangen, aber ich bin in dieser Hinsicht keineswegs klüger geworden.

Genug der Überlegungen: Hängen wir das Bild auf und lassen es auf uns wirken.


No. 1 » 147 80x63cm, 29.04.1974 » 146 89x70cm, 28.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 1 » 147 80x63cm, 29.04.1974 » 146 89x70cm, 28.04.1974
 
No. 2 » 146 89x70cm, 28.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 2 » 146 89x70cm, 28.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 3 » 146 89x70cm, 28.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 3 » 146 89x70cm, 28.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 4 » 145 80x63cm, 27.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 4 » 145 80x63cm, 27.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
Das sind Vorder- und Rückseite.


No. 5 » 144 124x90cm, 01.01.1974  » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 5 » 144 124x90cm, 01.01.1974 sold/verkauft » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 6 » van Gogh: Stillleben mit Sonnenblumen 91x72cm. 1888 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 6 » van Gogh: Stillleben mit Sonnenblumen 91x72cm. 1888 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 7 » 143 124x90cm, 01.05.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 7 » 143 124x90cm, 01.05.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 8 » 139 80x99cm, 16.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 8 » 139 80x99cm, 16.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 9 » 138 80x99cm, 14.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 9 » 138 80x99cm, 14.04.1974 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 10 » Corinth: Rosen 75x59cm. 1919 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 10 » Corinth: Rosen 75x59cm. 1919 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 11 » Corinth: Zinnien 69x63cm. 1924 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 11 » Corinth: Zinnien 69x63cm. 1924 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 12 » Gauguin: Blumen und Katzen 92x71cm. 1899 » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 12 » Gauguin: Blumen und Katzen 92x71cm. 1899 » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
O.k., Stresstest bestanden, wenn ich auch nicht recht weiß, warum.

Besonders im Vergleich mit den Blumenstillleben der Kollegen wird deutlich, wie düster dieses Bild ist, wie kalt, wie streng, zugleich aber auch wie vital und lustig, wie klar und energiegeladen. Dieses Bild ist wirklich sehr stark und kann es mit allen andern aufnehmen.

Jetzt bleibt nur noch der Test mit den beiden Picassos, die ich zu  Nummer 85 herangezogen hatte.


No. 13 »Vase de fleurs sur une table 116x89cm » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 13 »Vase de fleurs sur une table 116x89cm » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
No. 14 »Vase de fleurs sur une table 116x89cm » 147 80x63cm, 29.04.1974 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 14 »Vase de fleurs sur une table 116x89cm » 147 80x63cm, 29.04.1974
 
Fantastisch! Das kleine Bild behauptet sich ohne Schwierigkeiten. Man sieht, wie Picasso sich abmüht, welche Geschütze er auffährt, welchen Schaum er schlägt, welches Tamtam er veranstaltet, und heraus kommt nichts weiter als ein Picasso. Das ist genau das, worüber » John Berger lamentiert hatte (siehe Ende des Kommentars zu  Nummer 144).

Im Vergleich drängt sich mir die Formulierung auf, dass mein Bild einfach es selbst ist - ohne jede Anstrengung. Diese Formulierung Bergers ist mir haften geblieben. Er hat sie etwas abgewandelt im Zusammenhang mit den Paraphrasen Picassos benutzt, und zwar zu dessen Bemühungen um » Las Meninas von » Velazquez, wo er Picassos verzweifelte Anstrengungen mit dem Vorbild vergleicht: „Velázquez ist in seinem eigenen Bild so ohne jede Anstrengung er selbst“ - siehe das ausführliche Zitat in meinem Kommentar zu  Nummer 57.
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Urheberrechtlich geschtzte Abbildungen wiedergegeben unter Berufung auf das » Zitatrecht beziehungsweise » Fair Use.
 
 
hnliche Rahmen knnen bei » Kunstkopie, » artoko und anderswo erworben werden.

 

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