180 cm - 71 inch
Werkgröße 42×30cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »11
Kugelschreiber, Gouache / Papier
06.09.1972, » 42×30 cm (17×12")

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


Ein Selbstportrait mit Kugelschreiber. Wer htte das nach den Anfngen in Berlin gedacht?

In meiner Krise erinnerte ich mich endlich an mein Selbststudium der Fotografie. Schlielich war ich nicht der erste, der ein gutes Foto machen wollte, und ich war schon gar nicht der erste, der ein gutes Gemlde malen wollte. Also studierte ich die Kunstgeschichte, so wie ich die Fotografiegeschichte studiert hatte: Ich lieh mir Bcher aus ffentlichen Bibliotheken und betrachtete die Bilder, lie sie auf mich wirken, versuchte zu verspren, was daran gut war und warum und lie die Texte weitgehend auer acht.

Ich erinnere mich noch an Herzrasen, als ich einmal nicht schlafen konnte und mitten in der Nacht wieder aufstand, ein Buch in die Hand nahm und ein Bild von » Jackson Pollock betrachtete. Das war eine starke krperliche Reaktion, sehr merkwrdig. So etwas habe ich nie wieder erlebt. War das dieser Ausnahmesituation geschuldet?

Schlielich stie ich auf fnf barocke Gemlde unterschiedlicher Maler zu demselben Thema: Madonna mit Jesuskind, dargestellt auf einer Doppelseite. Selbstverstndlich waren das alles Meisterwerke, sonst htte man sie gar nicht erst abgebildet. Merkwrdigerweise schien mir evident, dass eines dieser Meisterwerke wirklich gut zu sein schien, wesentlich besser als die anderen vier. Woran konnte das liegen?

Nach einer Weile kam mir eine Ahnung. Alle fnf Bilder waren mit Meisterschaft gemalt, eines jedoch mit Herzblut.

Ach du lieber! Was sollte das denn heien? War ich nicht ein Kind der Moderne, aufgeklrt, abgeklrt, agnostisch? Es half aber nichts. Besser konnte ich es nicht erklren. Wenn dem aber so war, dass der Knstler seinen Teil dazugeben musste, was wre es denn, was ich zu geben htte? Was war mir wichtig?

Auf diese Frage konnte ich keine Antwort geben, obwohl ich das von mir erwartet htte. Das war ein Schock, der mich mehrere Wochen belastete. Ich wusste nicht, was mir wichtig war! Und das in diesem Alter! Schlielich war ich schon 24 Jahre alt! Endlich meldete sich nach etwa einer Woche eine Idee. Hatte ich nicht immer einen doppelugige Spiegelreflex besitzen wollen, um vernnftige Selbstportraits machen zu knnen?


Ich setzte mich vor den groen Spiegel im Schlaf- und Arbeitszimmer (zu sehen links in  Nummer 36) und zeichnete. Natrlich konnte ich gar nicht mehr zeichnen, ich war ja schon viele Jahre aus der bung. Es dauerte aber nicht lange, da ging es wieder sehr gut. Alle Selbstportraits zeigen den angestrengten Blick in den Spiegel und wirkten deshalb auf meine Freunde etwas fremd, nicht nur wegen der Spiegelverkehrtheit.

Hier erscheint erstmals die Signatur joe, die damals durchaus nahelag. Schlielich war ich als Student allgemein so bekannt. Anscheinend hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt auch schon ausgiebig mit Picasso beschftigt, von dem ich die Gewohnheit bernahm, alle Werke zu datieren, und gegebenenfalls zu nummerieren. Dies ist das zweite Blatt vom Tage, wie die rmische Ziffer zeigt.

Es gefllt mir nach wie vor sehr gut. An manchen Stellen wirkt es ein bisschen verkrampft, an anderen ist es aber wieder sehr locker. Die Farbe sagt noch sehr wenig, doch die Intensitt des Ausdrucks ist erstaunlich. Der junge Mann ist offen, unerschrocken, zuversichtlich, neugierig. Er ist nackt - soweit ich mich erinnere, habe ich mich allerdings nicht ausgezogen. Der Unterkiefer ist korrigiert, aber das strt nicht.

Im Nachhinein fand ich es sehr interessant, dass ich den Kugelschreiber gewhlt hatte. Damit war eine Korrektur vllig ausgeschlossen. Jeder Strich musste auf Anhieb sitzen. Keine Ahnung, warum ich das wollte. Als Kunsterzieher habe ich diesen Kniff spter fters eingesetzt, um die Blockade der Schler zu berwinden, die im Bewusstsein der spteren Korrigierbarkeit nicht etwa freier arbeiten, sondern gehemmter, und beim Zeichnen schon an das Radieren denken. Wenn aber jeder Strich sitzen muss, muss man sich wohl oder bel ein Herz nehmen und ins tiefe Wasser springen.

Dies war ein Schritt in die richtige Richtung. Es blieb nicht bei einem Selbstportrait. Einige weitere sind ins Werkverzeichnis aufgenommen worden. Was das mit der Kunst zu tun hatte und mit dem, was mir wichtig war, wurde mir dadurch allerdings nicht klar. *
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007

 

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