180 cm - 71 inch
Werkgröße 69×169cm
Referenzfigur 180cm
Werkdaten Nr. »100
Öl / Spanplatte
29.01.1974, » 69×169 cm (27×67")
Rückseite von » 131

» Kommentar

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Kommentar
© Copyright Werner Popken. Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA


» Grand nu allongé, 06.06.1955, 80x190cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
» Grand nu allongé aux bras croisés, 06.06.1955, 80x190cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
» Grand nu allongé (Les voyeurs), 08.08.1955, 80x192cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Dies war ursprünglich unsere Wandtafel im Schlaf- und Arbeitszimmer. Wir hatten uns vorgestellt, dass wir hier zumindest die Generalprobe von Referaten abhalten würden. Aber das einzige Mal, wo wir etwas auf die Tafel geschrieben haben, war die Inbetriebnahme, der Test, ob man auf violettem Mattlack überhaupt schreiben kann. Man kann.

Ich habe also die Leiste, die zur Ablage der Kreide diente, entfernt, und dieses Prachtweib auf die Tafel geworfen. Eine Lesende. Der violette Hintergrund ist die Originallackierung. Muss ich betonen, dass ich eine solche Frau noch nie gesehen hatte? *

Aber wahrscheinlich habe ich Bilder von Picasso gesehen, die in mir gearbeitet und dann dieses Bild produziert haben. 1955 hat er eine Lesende gemacht (ein Portrait von » Jacqueline Roque), der meine Lesende doch ziemlich ähnelt.

Dabei hat er mit Tapetenresten gearbeitet, einem Trick, den er schon mehrfach angewandt hatte, unter anderem auch bei » Guernica. Und als er wusste, was er wollte (so bildete er sich das jedenfalls ein), malte er schnell noch die „endgültige“ Fassung.

Zwei Monate später wurde daraus dann eine Adaption des alten Themas » Susanna und die Alten, der lüsternen Greise, die eine unbescholtene junge Ehefrau erpressen wollen, damit sie ihnen zu Willen ist.

Alt war er ja nun wirklich schon, aber vermutlich immer noch ziemlich scharf, und in der Verlegenheit, eine Frau erpressen zu müssen wie die alten Knaben in der Bibel, war er vermutlich nie. Dafür hatte er Probleme mit Themen. Ein Maler, der nicht weiß, was er malen soll - das ist schon eine traurige Figur.

Und so hielt er sich dann an Themen anderer Maler, an deren Meisterwerke, mit denen er sich angeblich messen wollte. Der französische Botschaftsangestellte Pierre Savi, der unter dem Titel „Pablo Picasso - sein Leben und Schaffen in den letzten Jahrzehnten“ in » Universitas aus dem Juli 1960 (15. Jahrgang, Heft 7) über dessen spätes Schaffen schrieb, musste natürlich auch dazu etwas sagen:

Der nimmermüde Meister eröffnet zugleich eine Zeit freiausgelegter Kopien nach seinen Vorgängern: 1950 führt er eine nach El Grecos „Portrait eines Malers“ (Museum in Sevilla) inspirierte Arbeit aus, die das „Mondlicht“ des Meisters von Toledo widerspiegeln soll. 1954 unternimmt er eine Serie von 14 Variationen nach Delacroix' Gemälde „Die Frauen von Algier“! (Louvre, Paris). Die letzte ist die vollendetste, weil zugleich beste in der Zeichnung, trotz der behäbigen linearen Komposition. 14 Variationen großen Umfangs in 12 Monaten, und das nur als Zugabe mit 73 Jahren, ohne seinem Alter Zugeständnisse zu machen! Jüngst nahm er sich Velasquez als Vorbild und übertrug seinen „El-Tonto“ (Der Verrückte) in einen gesteigerten Ausdruck.
a.a.O., Seite 745

Ach du lieber! Welch bemühter Schwachsinn! Man merkt, wie er sich etwas abringt. Und zugleich wird der Meister hofiert und gefeiert. 14 Bilder in 12 Monaten - man denke! Sollte dieser Text etwa satirisch gemeint sein? Man könnte ihn jedenfalls so lesen.

Dafür, dass ich ein Anfänger war, finde ich mein Bild ganz fantastisch. Ich mag es wirklich sehr, aber ich habe es nie aufgehängt - die Wand, an der die Tafel hing, blieb frei. Ich weiß nicht warum - es hätte ja nahe gelegen, das Bild dort aufzuhängen. Vermutlich habe ich mich dafür geschämt. Ich möchte bei diesem Bild auch gar nicht nach einer tieferen Sinnschicht fragen - es ist einfach wunderbar gemalt. Wenn Picasso davon redete, für Brust eine Chiffre zu finden, dann finde ich, ist mir dies hier gelungen, viel besser als ihm. Beide Brüste sind einfach wunderschön, und auch der ganze übrige Körper gefällt mir sehr gut.

Es gibt natürlich Passagen, die weniger toll sind, etwa die Hand, auf die sie ihren Kopf aufstützt - die ist nicht ganz so überzeugend. Oder auch die andere Hand und der dazugehörige Unterarm. Der Oberarm und die Schulter sind wieder wunderbar, genauso wie die Hüfte, der Oberschenkel und die beiden Knie. Die Füße sind wieder etwas schwächer. Auch der Kopf gefällt mir ganz gut, und die Haare, und auch das Buch. Ihre rechte Brust ist nicht genau da, wo sie anatomisch eigentlich hingehört, aber bildnerisch gesehen ist der Platz perfekt. Die Frau liegt einfach ganz toll in diesem Rechteck.

Wer hätte gedacht, dass ich so etwas kann? Das ist ja gewissermaßen aus dem Stegreif hingeworfen, ganz offensichtlich aus dem Stand innerhalb weniger Minuten entstanden, das ist nicht lang und mühsam erprobt und entwickelt, sondern gewissermaßen spontan aus dem Handgelenk geschüttelt, ohne Vorzeichnung, ohne Studien, ohne Training, ohne Vorlage und ohne Naturstudium. Wie kann das sein? In diesem Alter hatte Picasso schon Tausende von Bildern gemalt, eine mehrjährige Ausbildung genossen, sich ausschließlich mit Kunst beschäftigt und mit Leuten umgeben, die sich ihrerseits ausschließlich mit Kunst beschäftigten. Ich kannte noch nicht einmal Leute, die sich für Kunst interessierten.

O.k., jetzt will ich das Bild aufhängen.


No. 4 » 100 69x169cm, 29.01.1974 » 27 32x24cm, 13.10.1973 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 4 » 100 69x169cm, 29.01.1974 » 27 32x24cm, 13.10.1973
 


So allein auf der Wand ist es ein wenig einsam, aber es lässt auch nicht viel Platz für größere Bilder. Dann will ich mal  Nummer 27 eine Chance geben. Gefällt mir gut.

Der Rahmen von 100 ist ziemlich gut getroffen für eine Sorte Rahmen, die ich selbst gebaut und bei vielen großen Bildern eingesetzt habe. Einen Rahmen, wie ich ihn für 27 jetzt gewählt habe, habe ich hingegen noch nie besessen und könnte ihn auch nicht bauen.

Die Wirkung ist interessant: Der Rahmen lenkt natürlich die Aufmerksamkeit auf sich, so dass das Bild sich dem erwehren muss, und wenn es das kann, was für 27 kein großes Problem ist, wird dieses durch den Rahmen enorm geschmückt. Eine sehr interessante Erfahrung!

Und jetzt will ich im Vergleich dazu das mutmaßliche Vorbild sehen.


No. 5 »Grand nu allongé 80x190cm » 27 32x24cm, 13.10.1973 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 5 »Grand nu allongé 80x190cm » 27 32x24cm, 13.10.1973
 


Für mein Alter und meine Ausbildung schlägt sich mein Bild recht gut, finde ich. Da sie beide so groß sind, kann man sie an dieser Wand natürlich nicht nebeneinanderhängen. Und  Nummer 27 schlägt sich ebenfalls ganz wacker. Den müsste ich mal mit einem Selbstportrait von » van Gogh konfrontieren - als ich darüber schrieb, war mir das noch nicht eingefallen.

Nun reizt es mich, 27 mit 39 zu kombinieren:


No. 6 » 39 70x120cm, 17.11.1973 » 27 32x24cm, 13.10.1973 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 6 » 39 70x120cm, 17.11.1973 » 27 32x24cm, 13.10.1973
 


Auch nicht schlecht, merkwürdig. Da ist noch etwas Luft, da passt noch was hin, das ist etwas dünn (ich weiß, ich neige dazu, zu dicht zu hängen).


No. 7 » 39 70x120cm, 17.11.1973 » 17 58x45cm, 29.07.1973 » 27 32x24cm, 13.10.1973 · © Copyright Werner Popken. 
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No. 7 » 39 70x120cm, 17.11.1973 » 17 58x45cm, 29.07.1973 » 27 32x24cm, 13.10.1973
 


Donnerwetter! Sogar 17 kann man aufhängen! Ist zwar ein bisschen merkwürdig, aber nicht ohne Reiz. Doch ich schweife ab - es geht in diesem Kommentar ja eigentlich um 100, das sollte ich nicht aus den Augen verlieren. Interessant, dass mir der breite schwarze Rahmen auch in der Simulation gut gefällt.

» Tizian: Venus von Urbino
1538, 108x175cm · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
» Giorgione: Schlummernde Venus
1508, 108x175cm · © Copyright Werner Popken. 
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» Ingres: Odalisque
1814, 91x162cm · © Copyright Werner Popken. 
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» Manet: Olympia
1863, 130x190cm · © Copyright Werner Popken. 
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Zurück zu liegenden nackten Frauen: Warum bearbeiten Maler dieses Thema? In meinem Fall muss ich wieder passen: Ich weiß nicht, warum ich dieses Bild gemacht habe.

Allgemein dürfte die Antwort lauten: Ganz offensichtlich, um die weibliche Schönheit zu feiern, die erotische Ausstrahlung, das mögliche sexuelle Versprechen, womit auf ein neues Thema übergeleitet wird, das der käuflichen Liebe - vor allem die berühmten erotischen Gemälde der Renaissance und des Barock können leicht als Kurtisanengemälde verstanden werden, wurden aber natürlich als Göttinnen präsentiert.

Doch welche Unterschiede tun sich hier auf! Der Blick der » Venus von Urbino von » Tizian zielt direkt auf die Bauchgegend. Dieses Bild beschwört die Sehnsucht nach der Glückseligkeit, die eigentlich gar nichts mit Sexualität zu tun hat, die der Natur nach vorübergehend ist, sondern mit der Sehnsucht nach Gott, nach der ewigen Glückseligkeit, die es angeblich im Paradies gab, die jeder vielleicht kurzfristig als Kind einmal erlebt hat, und sei es auch nur im Mutterleib, und die es im Himmel wieder geben soll.

Das Vorbild von » Giorgione, die Schlummernde Venus, ist demgegenüber vergleichsweise schlüpfrig, obwohl es auf den ersten Blick so scheint, als ob Tizian den Tatsachen mehr ins Auge blickt. Indem Giorgione die Venus schlummern lässt, trennte er sich von ihrer Sexualität und präsentiert den Körper dem männlichen Voyeur, er beraubt sie dadurch ihrer Göttlichkeit und beschmutzt sie damit. Tizian hingegen zeigt eine Frau aus Fleisch und Blut, die durch ihre Körperlichkeit göttlich wird und Göttlichkeit erfahren lässt.

Bei » Ingres' Odaliske steht die Verführung im Vordergrund; zu diesem Zweck hat der Meister den Körper extrem verzerrt. Der Rücken beispielsweise ist viel zu lang und wirkt geradezu grotesk, wenn man ihn ins Auge fasst, die Brust kann an dieser Stelle gar nicht so sichtbar sein, der nicht sichtbare Oberschenkel muss direkt aus dem Bauchnabel herauskommen.

Bei » Manets » Olympia ist die Reduktion auf das flüchtige sexuelle Abenteuer kommerziellen Charakters offensichtlich. Diese Frau ist kalt und vermutlich auch einsam und unglücklich. Die transzendente Sehnsucht, die bei Tizian im Vordergrund steht, ist hier einer kalkulieren Geschäftsmäßigkeit gewichen.

Es gibt natürlich noch viele weitere Bilder, die in dieser Tradition stehen, und die oben genannten Bilder von Picasso beziehen sich nicht direkt auf Tizian oder Giorgione, Ingres oder Manet, insofern ist der Vergleich nicht ganz angebracht. Die Ausgangsfrage war aber, warum Maler überhaupt nackte Frauen darstellen. Um direkte Pornographie, deren Zweck eindeutig ist und die durch diesen bedingt sind, handelt es sich ja nicht. Diese Bilder werden vermutlich kaum je als Onanievorlagen benutzt und eignen sich dafür vermutlich auch nicht.

Picassos Frauendarstellungen sind bekanntlich sehr häufig von extremer Grausamkeit und Hässlichkeit. Das kann man von seinem Portrait von Jacqueline als Lesende nicht behaupten. Es ist merkwürdig neutral, gefällig und dekorativ und fällt vor allem durch seine willkürliche Pflasterung des Bildes mit Mustertapeten auf, die er bei seinem zweiten Bild vom Tage fallengelassen hat zugunsten einer willkürlichen Verformung des Körpers, die an vielen Stellen nicht überzeugt.

Bei meinem Bild springt als erstes die spontane und energiegeladene Malweise ins Auge. Als nächstes bemerkt man die Selbstgenügsamkeit dieser Frau. Sie nimmt keinen Kontakt auf zum Betrachter und signalisiert in keinster Weise, dass sie jemanden braucht oder Kontakt wünscht. Im Gegenteil hat man den Eindruck, sie würde ziemlich unwirsch reagieren, würde man sie in ihrer Lektüre stören. Es ist eine mächtige Frau, eine, die eher zum Herrschen als zur Hingabe zu neigen scheint.

Es stellt sich natürlich die Frage, warum diese Frau, die keinen besonderen Bezug zu ihrer Sexualität zu haben scheint, sich dermaßen aufreizend in Szene setzt. Das ist ein Widerspruch, der ein Rätsel aufgibt. Könnte es sein, dass sie im Gegenteil einen mächtigen sexuellen Appetit hat, ihre Reize kennt und weiß, wie sie diese zu ihrem Vorteil einsetzt, dass sie sich einfach holt, was sie will und was sie braucht? Oder spekuliere ich hier mangels einleuchtender Einsichten einfach fröhlich drauflos? Wie auch immer, dieses Bild ist ganz diesseitig und ebenfalls Meilen entfernt von der Jenseitssphäre, die Tizian aufscheinen lassen konnte. Das macht ihn eben groß, und deshalb kommen die anderen an ihn nicht ran.

Jedenfalls stand und stehe ich den Bild ziemlich ratlos gegenüber und andere Betrachter wohl auch; nie hat jemand ein Wort darüber verloren, falls ich das Bild überhaupt mal gezeigt habe. Erfreulich ist natürlich auch, dass 100 sehr viel substantieller ist als 99. Ein echter Fortschritt, obwohl 99 als verkapptes Selbstportrait gelten kann, hier aber der Bezug zu mir unklar bleibt.

Wünschte ich mir eine solche Frau? Nicht dass ich wüsste. Hatte oder habe ich Angst vor solchen Frauen? Kommt mir ebenfalls unwahrscheinlich vor. Vielleicht war es doch Picasso, der sich hier äußerte, so wie Tagesereignisse sehr häufig in abgewandelter Form in Träumen erscheinen.
*   Der vorstehende Kommentar ist die Anmerkung aus dem Werkkatalog » Stürenburg 2007
 
 
Da das Picasso Project seit sptestens 24.01.2011 gesperrt ist, fhrt ein direkter Link nicht mehr zum Ziel; daher bin ich gezwungen, die erwhnten Werke hier zu reproduzieren und berufe mich dabei auf » Fair Use bzw. das » Zitatrecht.

 

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