Ausschnitt aus No. › 227  (Privatbesitz) · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ausschnitt aus No.  227 (Privatbesitz)

Ich habe diese Serie auf Englisch begonnen, und ich weiß gar nicht genau warum. Heute will ich mal auf Deutsch schreiben.

Gestern habe ich zum Schluß hervorgehoben, daß die Bedeutung eines Kunstwerks anscheinend das Wesentliche ist. Aber was ist die Bedeutung?

“Bedeutend” war eines der Lieblingsworte des Großsammlers » Peter Ludwig. Natürlich wollte er nichts Unbedeutendes sammeln. Wer will das schon?

Trotzdem: Mit dem Unbedeutenden wird oft kokettiert, besonders in der Modernen Kunst, was verständlich ist, als Gegenreaktion gegen die Überbetonung des Tiefsinnigen und Bedeutungsschweren der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. So gesehen ist es natürlich verwunderlich, daß Ludwig es mit dem Bedeutenden so hatte.

In gewisser Weise handelt es sich wohl um ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Künstler und Sammler. Wie sinnentleert muß ein Kunstwerk sein, damit auch der letzte Liebhaber darin nichts Bedeutendes mehr erkennen kann? Ist das überhaupt möglich?

Ich wage es zu bezweifeln. Der Künstler hat ja in unserer Gesellschaft eine gleichsam sakrale Rolle übernommen. Er ist der Trunkene, der als Einziger den direkten Zugang zu Kreativität hat, den man Genie nennen darf, der sich erdreisten kann, das Bürgertum zu verachten und zu erschrecken und der trotzdem nicht dafür bestraft, sondern im Gegenteil gerade für seine Andersartigkeit, seine Nichtintegriertheit verehrt wird.

Vor ein paar Wochen habe ich eine Unternehmung im Internet entdeckt, die von einem australischen Maler unterhalten wird (» art quotes & famous artists). Mehr oder weniger regelmäßig verschickt dieser Zitate von berühmten Künstlern. Gestern bekam ich wieder zwei, eines davon von » Georg Baselitz:

The artist is not responsible to any one. His social role is asocial.. his only responsibility consists in an attitude to the work he does.

» Georg Baselitz Quotes and Comments


Genau, Baselitz ist der Oberbürgerschreck. Der Künstler als Berufsasozialer, nur verantwortlich für die Haltung zu seinem Werk - Donnerwetter. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen. Es kommt nicht darauf an, daß das Werk bedeutend ist, es kommt darauf an, daß der Künstler seinen Anspruch formuliert. Auf die Dauer ist die ewige Protesthaltung und der Provokationsstreß ziemlich anstrengend. Das Publikum gewöhnt sich so schnell an alles. Es gibt kaum noch Tabus, die man brechen kann.

Eines betrifft zum Beispiel die Kreativität - ich hatte ja gerade darauf abgehoben, daß der Künstler das Genie schlechthin ist. Baselitz hat nun in einem Interview vor 20 Jahren (und vermutlich auch sonst überall) behauptet, daß es in der Kunst auf das Talent gar nicht ankomme, und sich selbst als Beweis angeführt, denn er habe ja gar kein Talent. Wenn das kein Schocker ist!

Aber das gehört nun wiederum zu den Spielregeln des Publikums - nur nicht verunsichern lassen! Der Künstler mag ja noch so verrückt spielen, wir wissen einfach, daß er das Genie ist, vor uns kann er sich nicht verstecken. Und wenn er noch so banale Werke präsentiert, wir wissen, daß jedes Kunstwerk Manna ist, direkt vom Himmel empfangen, zu unserer Erlösung.

Es ist absolut absurd, und gleichzeitig ist etwas dran an diesem Mythos. Es ist so schwer, die Dinge auseinanderzuhalten, kein Wunder, daß alle Welt verwirrt ist. Übrigens gehört das auch zum Spiel: Wie verwirre ich die Welt? Ich halte das gewissermaßen für Notwehr. Man stelle sich das einmal vor: Da hat ein junger Mensch den Wunsch, Künstler zu werden. Daran darf doch eigentlich nichts Schlimmes sein. Wo kämen wir hin, wenn wir von einem jungen Menschen, der Physik studieren will, erwarten würden, daß er in zehn Jahren den Nobelpreis bekommt?

Aber genau das passiert mit den Künstlern. Die ganze Gesellschaft ist konfus und die Künstler sollen Sinn stiften, weil sich ja sonst niemand dazu berufen fühlt und die Künstler bekanntermaßen einen besonderen Draht haben, irgendwo hin, das weiß man nicht so genau, aber auf jeden Fall zu einer Instanz, die uns etwas zu sagen hat, die anscheinend den Künstler benutzt und deshalb der Gesellschaft eine Dimension erschließen kann, die anders nicht zu haben ist.

Diese Erwartung spürt der junger Künstler natürlich. Er soll jetzt etwas liefern, was alle anderen nicht haben. Kein Wunder, daß er wütend wird. Mitte der sechziger Jahre wurden, wie das immer wieder einmal geschieht, mehrere Künstler über ihr Schaffen befragt. » Paul Wunderlich war einer von ihnen. Eine Passage seines Aufsatzes ist mir hängengeblieben, obwohl es schon mehr als 30 Jahre her sind, daß ich sie gelesen habe. Darin beklagt er sich genau darüber: Er müsse jeden Tag Bedeutendes schaffen, das sei die gesellschaftliche Erwartung, wobei es der Gesellschaft vollkommen egal ist, wie der Künstler mit diesem Anspruch fertig wird.

Ähnlich hat sich die Frau von Joseph Beuys einmal geäußert. Vermutlich wird sich ihr Mann bei ihr beklagt haben. Woher soll der Künstler nehmen, was das Publikum verlangt? Bei Beuys hat man ja vermutet, daß seine künstlerischer Ader mit seiner Kopfverletzung im Zweiten Weltkrieg zusammenhängt. Klar, daß man ein bißchen daneben ist, wenn man was am Kopf hat. So hat man wohl versucht zu begründen, warum der Künstler ein bißchen schräg ist.

Andy war hohl (ist das die Möglichkeit: mein Sprachsystem DragonDictate schreibt, was » Horst Janssen verballhornt hat - Janssen hatte ja ein unglaubliches Sprachgefühl und wahnsinnig viel Sprachwitz) - ich meinte natürlich » Andy Warhol, der den Preis der Banalität zur Marke hochstilisiert hat: “All is pretty”. Er lehnte es gerade zu ab, Sinn zu stiften, was ihm natürlich nichts nützte. Die Kritiker und Sammler haben trotzdem jede Menge Sinn und Botschaft in seinen Werken gefunden.

Auch » Gerhard Richter behauptet steif und fest, er habe keine Botschaft, seine Bilder enthielten keinen Sinn, und niemand will ihm glauben (» "Mich interessiert der Wahn"). Der Titel des Interviews suggeriert gewissermaßen, daß auch ein so nüchterner Künstler wie Richter irgend etwas mit Wahn zu tun haben muß, Wahnsinn und Genie liegen ja bekanntlich ganz dicht beieinander, das eine ist ohne das andere gar nicht zu haben.

Ach je, es wird Zeit, daß ich das Thema wechsele. Als Bild für heute habe ich einen Ausschnitt aus Nr.  227 gewählt. Hier steht wieder eine Frau im Mittelpunkt, ihr zugeordnet ein Mann, der etwas jünger zu sein scheint und ihr offenbar unterlegen ist. Hat dieses Bild einen Sinn? Ist es bedeutend? Oder ist es sinnlos, bedeutungsleer?

Eines kann ich sagen: Ich habe in dieses Bild keine Bedeutung gelegt. Im Gegensatz zu den Malern des 19. Jahrhunderts habe ich keine Vorstellung davon, wie ein Bild aussehen und was es ausdrücken soll. Als junger Mann habe ich es natürlich so versucht, aber es war furchtbar. So ging es auf gar keinen Fall. Nun habe ich das Bild gemalt, und auch wieder nicht, denn wenn ich sagen würde: “Ich habe es gemalt”, dann würde man ja unterstellen, daß ich eine Vorstellung gehabt hätte, die ich dann realisiert habe. So war es definitiv nicht. Ich könnte so ein Bild gar nicht malen. Deshalb sage ich lieber: “Das Bild hat sich selbst gemalt”, was aber auch nicht ganz richtig ist, denn ohne mich wäre es ja nicht gegangen. Wenn ich es nicht war und das Bild sich selbst auch nicht malen konnte - wer hat das dann gemalt?