Ursprünglich 1998 veröffentlicht als » Daily Drawing Nr. 25


 Daily Drawing Nr. 25: 263, wir zwei Beiden · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

Noch ein Bild aus der Reihe der Doppelköpfe. Erinnern Sie sich an die blauen Köpfe der letzten Woche? Hier eine völlig andere Stimmung.

Viele Leute meinen, daß Bilder etwas beschreiben müssen. Es muß eine Geschichte erzählt werden. Möglichst persönlich. Welche Geschichte steckt dahinter? Was wollte der Maler damit sagen?

Bei einem solchen Frau/Mann-Bild wird gern angenommen, daß dies eine Art Portrait sein müsse, eine Illustration der persönlichen Geschichte des Künstlers und seiner Frau, um genau zu sein. Ich fürchte, damit kann ich nicht dienen.

Es ist natürlich auch für mich verführerisch, so zu denken. Ich habe mich oft dabei erwischt, obwohl ich es eigentlich schon lange besser wissen müßte. Da ich ein Bild nicht plane, sondern es sich selbst entwickeln lasse, weiß ich nichts darüber. Im Gegenteil, das Bild will mir etwas erzählen. Könnte das nicht etwas über mich und meine Frau sein?

Seit Freud glauben die Leute an Träume. Heute weiß man viel über das Träumen. Wir träumen alle jede Nacht, obwohl einige von uns sich nie daran erinnern. Die meisten vergessen jeden Traum innerhalb von Minuten. Wenn man uns am Träumen hindert, werden wir schnell wahnsinnig. Aber wozu ist das Träumen gut? Was sagt ein bestimmter Traum aus?

Traumdeutung ist ein wichtiger Teil in vielen therapeutischen Ansätzen. Man glaubt fest daran und hat es oft bewiesen, daß Träume sich auf den Träumer beziehen und seine Wachtätigkeit kompensieren. In dieser Hinsicht können Träume bewußte Haltungen korrigieren. Normalerweise sagt ein Traum nur etwas über den Träumer aus, und zwar etwas, das diesem in seinem Bewußtsein nicht zugänglich ist. Daher ist es klug anzunehmen, daß alle Personen, Tiere, Objekte, Stimmungen, Handlungen usw. eines Traumes ausschließlich den Träumer spiegeln.

Wenn ich ein Mann bin und von einer Frau träume, bin das wieder ich. Wenn ich eine Frau bin und von einem Mann träume, bin das wieder ich. Der Freud-Schüler C.G. Jung untersuchte diese Aufspaltung in Personen als erster und beschrieb typische Figuren, die in vielen Träumen auftreten, insbesondere in seinen eigenen: Der Schatten etwa oder der weise alte Mann, um einige zu nennen. Er behauptete sogar, daß es in jedem Mann eine weibliche Figur gibt, die seine weiblichen Teile repräsentiert, und er nannte sie Anima, und umgekehrt nannte er bei Frauen die entsprechende Figur Animus.

Deshalb ist es vermutlich nicht falsch anzunehmen, daß männliche Figuren in meinen Gemälden mein bewußtes Ego repräsentieren, während weibliche Figuren meine unbewußte Anima zeigen. Beide sind Teil meiner selbst und beziehen sich nicht auf die Außenwelt. Es wäre insbesondere ein Fehler, sie als Repräsentanten von mir und meiner Frau zu lesen.

Wenn man die Sache so auffaßt, können die Bilder als eine Art Botschaften meines Unbewußten gelesen werden, die zeigen, welche Kräfte aktiv sind und gehört werden wollen. Es kann gut sein, daß es unmöglich ist, diese Botschaft in Worte zu fassen. Ähnlich wie in einem Traum, der nicht interpretiert werden muß, um wirksam zu sein, dürfte ein Gemälde durch bloße Betrachtung wirken. Die meiste Kunst funktioniert ja so. Denken Sie an Filme. Sie beeinflussen Millionen einfach nur durch Zuschauen. Manche sprechen auch darüber, aber das ist nicht wichtig oder notwendig.

Wir sind alle verschieden und einzigartig. Und zugleich sind wir alle gleich. Daher ist Kunst möglich. Der Künstler produziert ein hochindividuelles Werk, ein Gemälde, ein Gedicht, ein Drama, einen Roman, ein Musikstück, einen Film. Andere holen sich daraus, was sie brauchen. Und es kann hunderte und tausende von Jahren funktionieren, über Kontinente und Kulturen hinweg.





Siehe auch Scan  263