Ursprünglich 1998 als » Daily Drawing Nr. 17 publiziert.


 Daily Drawing Nr. 17: 47, Vorlesen · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

47 ist eine niedrige Werknummer. Eine niedrige Nummer deutet normalerweise an, daß der Künstler zwar unterwegs ist, aber noch nicht weiß, wohin er geht und was die richtige Richtung ist. Kunst ist merkwürdig. Wenn man wüßte, was es ist, könnte man es geradewegs produzieren. Jeder könnte dann den Nobelpreis gewinnen oder dick Geld verdienen.

Für mich war es wichtig, loszulassen. Es war schwer zu akzeptieren, daß mein Intellekt nichts von Bedeutung produzieren konnte. Dieses Bild ist ein gutes Beispiel für meinen Erfolg, das Bild kommen zu lassen. Stellen Sie sich vor, mit Pinsel und Ölfarben vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen. Was immer Sie tun, Sie können nichts korrigieren. Sie könnten noch mehr Farbe über eine verdorbene Stelle schmieren, aber das würde nur das Bild zerstören.

Es ist also wie in der Kunst des Bogenschießens oder im Krieg oder im Internet. Sie haben genau einen Schuß. Erinnern Sie sich an die » erste Lektion des Creative Journal?

Man kann gut erkennen, daß alle Pinselstriche mit Kraft hingesetzt sind. Schauen Sie sich die Profillinie des Männergesicht an! Oh, es könnte sein, daß Sie das Bild überhaupt nicht lesen können, also erläutere ich besser:

Damals, Anfang der Siebziger, habe ich sehr intensiv Picasso studiert. Wie jeder andere auch, kannte ich nur wenig von ihm, begeisterte mich erst für die Blaue Periode, dann für die Rosa, dann noch einiges mehr. Bis heute mag ich die kubistischen Sachen nicht und halte diese für absolut überbewertet (ja, John Berger, ich schätze die meisten Ihrer Schriften sehr hoch, aber hier stimme ich Ihnen nicht zu).

Schließlich habe ich sein Alterswerk kennengelernt, was damals noch sehr neu war (er lebte ja noch). Sie sehen den Einfluß des späten Picasso hier sehr deutlich. Das finde ich in Ordnung. Nehmen Sie Picasso zum Beispiel. Er hat sich sein ganzes Leben lang beeinflussen lassen … warten Sie … zumindest durch Steinlen, Toulouse-Lautrec, Greco, Goya, Ingres, Rousseau, Matisse, die Surrealisten, die griechische Vorklassik, die griechische Klassik, Steinzeitmalerei, Fotografie … Sie finden sicherlich noch mehr.

Also: Man sieht einen sitzenden Mann zur Linken, der nach rechts schaut und laut aus einem Buch vorliest. In der Mitte hängt eine Lampe von der Decke. Rechts hört eine nackte Frau zu. Die Szene ist sehr ausdrucksvoll, obwohl alles mit der einfachen Mitteln realisiert ist. Man könnte sich so etwas nicht ausdenken und dann versuchen umzusetzen - die Hand wäre verkrampft und würde alles verderben. Hier verwirklicht sich ein Gemälde selbst auf Papier wie ein Traum sich verwirklicht. Wenn Sie träumen, produzieren Sie nicht den Traum. Es ist zwar Ihrer, aber er stößt Ihnen lediglich zu, Sie können nicht nach Belieben träumen (höchstwahrscheinlich - der Don Juan von Castañeda behauptet, daß man das sehr wohl möglich ist und daß man es sogar lernen kann).

Wie bei einem Traum kann ich mich jetzt fragen: Was will dieser Traum mir sagen? Was sagt mir dieses Gemälde? Ich bin in Bezug auf das Bild nicht schlauer als Sie. Bei Träumen ist es üblich, andere zu fragen, um den Traum besser zu verstehen. Aber die meisten meiner Kunden wollten nicht wissen, was ihr Bild für mich bedeutet. Schließlich interessieren sie sich auch nicht für mich. Sie reden noch nicht einmal darüber, was es für sie bedeutet. Vielleicht denken sie nicht darüber nach und lassen das Bild einfach wirken. Man muß ja auch Träume nicht analysieren … When Sie nicht träumen können, werden Sie verrückt; träumen ist also wichtig für die Gesundheit. Aber Sie müssen nicht über Ihre Träume nachdenken.

Wenn Sie sich dafür interessieren, was mir zustieß, als ich in einer Art von wissenschaftlichem Ansatz versuchte herauszufinden, was beim Malen passiert, lesen Sie die Rede » Über die Beobachtung des schöpferischen Prozesses (schließlich stehe ich als moderner Mensch dem schöpferischen Prozeß äußerst skeptisch gegenüber). Das Gemälde, daß Gegenstand dieser Rede ist, ist ein gutes Beispiel für die Art, was ein Eigentümer damit erlebt. In meinen Erinnerungen schildere ich, wie lange sie überhaupt gebraucht haben, um meine Kunst überhaupt schätzen zu lernen, was dieses Gemälde ihnen bedeutet und was sie damit erlebt haben. Kurz: Sie erleben es als tägliche Freude und wachsen daran. Dieses eine Bild mit all seinen Figuren hat einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben. Vielleicht bedeutet es ihnen sogar mehr als mir. Vielleicht habe ich es für sie gemalt und wußte es nicht. Auf jeden Fall wußte ich nichts darüber, als ich es gemacht habe.

In diesem Moment, wo Sie dies lesen, mache ich Sie mit diesem Bild bekannt. Wenn es etwas bei Ihnen bewirkt, ist es Ihre Sache. Wenn nicht, auch in Ordnung. Wenn Sie es nicht aus Ihrem Kopf herausbekommen und öfter sehen wollen, drucken Sie es vielleicht aus. Wenn das nicht reicht, erwerben Sie vielleicht an Poster oder sogar das Original. Ich habe einige Poster meiner Lieblingsbilder gekauft und besitze auch eine Reihe von Büchern. Und mein Kopf ist voll von noch mehr Kunstwerken. Ich genieße das.