Ausschnitt aus No. › 292  (Privatbesitz) · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ausschnitt aus No.  292 (Privatbesitz)

Lassen Sie sich nicht durch meine Bemerkung gestern irritieren - Geld ist wirklich nicht alles, und es ist mit Sicherheit kein gültiger Maßstab für Kunst, wenn man nicht die Zeit mit in die Gleichung hineinnimmt.

Der Beweis ist wieder einfach. Immer wieder gibt es Moden. Jeder muß dies oder das haben, und das gilt natürlich auch für die Kunst. Die Leute wollen sich unterscheiden und zur gleichen Zeit anpassen.

Sie wollen verschieden sein von allen, denen sie sich nicht zugehörig fühlen, aber innerhalb ihrer Clique sind sie extrem angepaßt. Und sie drücken ihre Konformität durch Gegenstände und Verhalten aus. Im Grunde ist Mode genau das: Wenn du dies und das besitzt, gehörst du zu uns. Mir ist es egal, was du hast, weil ich andere Dinge besitze, und dadurch drücke ich in Wirklichkeit aus: du bist mir egal.

Dadurch bekommen die Dinge eine Botschaft und eine Wichtigkeit, die ihnen eigentlich nicht zu eigen ist. Und alles, was sich dafür benutzen läßt, wird eingespannt, Kunst inklusive. Wenn man als Künstler berühmt werden will, ist ein ziemlich sicherer Weg die Bekanntschaft mit vermögenden und scheinbar wichtigen Leuten und deren Pflege. Diese wiederum benutzen die Künstler und deren Kunst, um sich von anderen abzusetzen. Man kann Snobs natürlich auch bedienen, indem man sie beleidigt, und möglicherweise ist es sogar der einzige Weg. Daher hat sich die Provokation des Bürgertums für mehr als ein Jahrhundert als todsicheres Rezept für Künstler erwiesen, und möglicherweise ist es das immer noch.

Auf diese Weise kann die Kunst aufgrund falscher Beweggründe hochgejubelt werden, und sobald die Mode wechselt, sinkt entsprechend der Wert der Kunstwerke, die aus den falschen Gründen hoch bewertet worden sind, und manchmal sacken diese sogar ziemlich schnell ins Bodenlose. Viele Beispiele für dieses Phänomen sind über die Jahrhunderte und von vielen Gesellschaften bekannt. Deshalb beweist der Preis, den jemand für ein Bild bezahlt hat, nicht dessen Wert, und die Tatsache, das jemand jeden Preis für ein Bild bezahlt, ist keineswegs beweiskräftiger. Wiederum gibt es viele Beispiele, einige gehören zu den modernen Legenden des genialen, aber armen und unverstandenen Künstlers, der möglicherweise bis zum Tod unbekannt bleibt. Dieser Mythos ist so stark, daß für die meisten Leute ein Künstler per Definition arm ist. Sie glauben zum Beispiel, daß Picasso bis ins hohe Alter arm war, aber tatsächlich war er nur wenige Jahre arm. Er war bereits sehr wohlhabend vor 1910 und hat seit dieser Zeit niemals Mangel gelitten. Die berühmten Künstler unserer Zeit sind alle extrem wohlhabend, und das war in früheren Jahrhunderten nicht anders.

Das kann gar nicht überraschen, weil die meisten Leute glauben, daß sie nicht “zeichnen” können, genauso wie die meisten Leute glauben, daß sie nicht “rechnen” können. Künstlerisches und mathematisches Talent gelten als angeboren, als Mitgift der Gene. Wenn man ein seltenes Talent besitzt, mit dem man die Leute beeindrucken kann, kann man davon ausgehen, daß diese einen dafür belohnen.

Wenn Kunst wegen unangebrachter Gründe geschätzt wird, braucht man einfach nur zu warten, bis diese Bedeutungsschicht abgestreift wird. Die Zeit sorgt unerbittlich dafür. Wenn die Mode vergangen ist, bleibt das Werk übrig. Und wenn niemand mehr daran Interesse hat, kann es sein, daß dies für alle Zeit so sein wird. Wenn aber etwas da ist, das wirklich wertvoll ist, glauben wir, daß eines Tages jemand kommen wird, der diesen Wert sieht und der Welt davon erzählt. Beispiele dafür gibt es ebenfalls zuhauf.

Um diesen Wert sehen zu können, muß man gebildet sein. Das klingt kompliziert, aber das ist nicht der Fall. Bildung ist unvermeidlich. Wenn man an etwas interessiert ist und die Sache schätzt, wird man Kenntnisse anhäufen. Man wird ziemlich schnell ein Kenner werden. Und man wird wissen. Möglicherweise kann man darüber gar nicht sprechen oder sein Urteil nicht rechtfertigen, aber man ist sicher und hat keinen Zweifel. Und deshalb gibt man dafür viel Geld aus, wenn man es sich leisten kann. Hier kommt also das Geld ins Spiel. Man bezahlt das Geld nicht für die falschen Gründe, sondern für das Werk als solches.

Okay, das war einfach ein Nachtrag zu meinen gestrigen Betrachtungen. Und noch einen muß ich anfügen: Der Held der Frage “Wer bin ich” war männlich. Ist das politisch korrekt? Natürlich nicht. Der Mensch ist nicht männlich, ist auch nicht weiblich. Der Mensch ist männlich oder weiblich, jedenfalls meistens. Es gibt Fälle, wo man im Zweifel sein kann, aber diese bilden wirklich eine sehr kleine Minderheit. Daher entsteht die Frage, ob Künstler männlich sind, und wenn sie es sind, ob sie sich selbst als männlich darstellen sollten oder nicht.

Es gibt heutzutage wenig Zweifel, daß Frauen den Männern sehr gleichen und zugleich sehr unterschiedlich sind. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Männer und Frauen sind sehr verschiedene Kreaturen, so verschieden, daß man sich fragen muß, wie sie überhaupt miteinander kommunizieren können. Auf der anderen Seite können sie ziemlich dieselben Dinge leisten. Es gibt genügend Beispiele von Künstlern oder Wissenschaftlern gleicher Qualifikation. Zwar gibt es immer noch viel mehr männliche Beweger, aber das scheint weniger eine Frage der Möglichkeiten als der Gelegenheiten und Vorlieben zu sein.

Nun ja, es gibt gute und schlechte Künstler, und es gibt gute und schlechte männliche und weibliche Künstler. Wenn ein Künstler ein Bild malt, das als eine Aussage über den Menschen verstanden werden kann - bedeutet das, daß die Figur, die der Künstler dafür benutzt, vom gleichen Geschlecht sein muß? Ich glaube nicht. Nun, das Geschlecht ist ohnehin eine geheimnisvolle Qualität, und im Grunde weiß ich gar nicht, wie wir jemanden als männlich oder weiblich erkennen können. Wir tun es, und in den meisten Fällen zögern wir nicht und in fast allen Fällen liegen wir sogar richtig. Man stelle sich das vor! Wie sind wir dazu in der Lage?

Versuchen Sie das Geschlecht eines Pferdes zu bestimmen, indem Sie die Gestalt auf sich wirken lassen, dann wird das Problem klarer. Die Geschlechtsunterschiede bei den Menschen sind so offensichtlich, daß wir sie auf große Entfernungen hin wahrnehmen. Die Situation ist sogar noch komplizierter, weil es beliebige Grade von Männlichkeit in Frauen und umgekehrt gibt. Vermutlich kennen Sie selbst eine Menge Beispiele. Außerdem sind wir nicht das, was wir nach außen hin darstellen, sondern sind eher die Personen, als die wir uns fühlen, eine unsichtbare Qualität, und dieser inneren Person ist eine eigene Mischung der Geschlechter eigen.

Einige Psychologen glauben, daß jeder eine Mischung von weiblichen und männlichen Bestandteilen ist, und einige esoterisch angehauchte Leute glauben, daß jeder zahlreiche Male als Mann oder Frau wiedergeboren wurde und, obwohl er sich nicht mehr erinnern kann, im Grunde die andere Seite mehr oder weniger gut kennt. In meinem Fall sind die zentralen Figuren sehr oft männlich, aber nicht immer. Das Bild oben ist das Beispiel einer zentralen Person, die deutlich weiblich ist. Und wiederum ist es nur ein Teil eines Gemäldes (Nr.  292), das andere Personen und sonstiges Zeug zusätzlich enthält. Daher ist die Frage “Wer bin ich” definitiv nicht auf männliche Fragesteller beschränkt, und es ist nicht das Geschlecht des Malers, das das Geschlecht des Helden definiert, der irgendeine Art tieferer Bedeutung zu repräsentieren hat.

Bedeutung - das ist ein Schlüsselwort. Wir kennen genügend Künstler, die versuchen, Kunst ohne Bedeutung zu produzieren. Das ist nicht einfach, und vielleicht war es sinnvoll, es zu probieren. Aber Kunst ist eigentlich keine Aussage über Bedeutungslosigkeit, eher das Gegenteil. Kunst könnte verstanden werden als ein Mittel, unsere Welt zu verstehen und Bedeutungen zu finden, die bisher unbekannt waren und auf andere Art und Weise unverständlich wären. Es ist diese besondere Art von Bedeutung, für die die Leute bezahlen. Man fühlt diese Bedeutung eigentlich eher als daß man sie versteht.