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Die Radierung “Raffael und die Fornarina XXII” ist die erste Illustration zum Artikel “Die späten Grafiken Picassos: Existenzbeweise, tausendfach” von Dr. Frank Laukötter, wissenschaftlicher Mitarbeiter am » K20, abgedruckt im Heft Nr. 01/07 von » Vernissage. Der Aufsatz wird damit eingeleitet, daß die schiere Fülle an Werken in den letzten zehn Jahren seines Lebens herausgestrichen wird. Während er bis zum 80. Geburtstag alle zwei Tage ein neues Werk fertigstellte, war die Frequenz danach doppelt so hoch. Das wird mit der zunehmenden Todesangst erklärt, wie schon im Titel angedeutet; er wird aber auch dahingehend zitiert, daß er zwar weniger Zeit, aber mehr zu sagen habe.

Was das denn nun sei, müßte doch die Hauptfrage sein. Aber genau diese Frage kann nicht beantwortet werden. Statt dessen werden Anekdoten erzählt. Der Leser bleibt ratlos zurück. Picasso wird als Übergenie geschildert, der jenseits aller Kritik steht. Das tut ihm natürlich nicht gut. Schon zu Lebzeiten hatte » John Berger bedauert, daß man die offensichtlichen Aussagen nicht hören wollte, die Augen verschlossen hat vor den Hilferufen des Künstlers, der ja nun wirklich sein Innerstes nach außen gekehrt und seine Not jedermann kundgetan hat (» Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso). Berger wird von der Kunstkritik natürlich nicht ernstgenommen.

Da ich nun einmal herumstöberte, erwarb ich auch den » Ausstellungskatalog zum hundertsten Geburtstag, Werke aus der Sammlung Marina Picasso. Darin findet sich der Aufsatz “Picassos Kubismus 1907-1922″ von Reinhold Hohl. Auf Seite 67 schreibt er:

Die Analyse von Picassos kubistischer “écriture” (so heißt im Moment das Schlagwort) ist modischer Tribut des Zeitgeistes an das bildnerische Phänomen “Kubismus” - genauso wie die eine Zeitlang im Schwang gewesene materialistisch-dialektische Betrachtungsweise (von Max Raphael) oder die soziologisch-biographischen Aperçus (von John Berger) und auch die aktuellen feministischen und die pseudo-psychoanalytischen Perspektiven (wonach etwa das Gemälde Les Demoiselles d’Avignon ein gegen die Frauen allgemein und die dominierende Mutter sowie die nachgeborene Schwester Lola besonders gerichteter Akt der Hexenaustreibung gewesen sei, und der ganze Kubismus überhaupt eine Manifestation von Picassos, des Malersohns, Oedipus-Komplex… - wir verschweigen Autorennamen). Das alles beweist, daß davor siebzig Jahren ein Riesen Berge in die Landschaft der Malerei Geschichte gestellt worden ist, der noch immer - von immer anderen Ausgangspunkten her und mit immer neuer Ausrüstung - zu Erstbesteigungen verlockt.


Zweifellos lohnt es sich am meisten, sich mit den Giganten zu beschäftigen, auch wenn sie noch so problematisch und verschroben sein mögen. Die permanente Lobhudelei ist aber ermüdend. Man wünschte sich doch eigentlich etwas abgeklärtere Urteile. Von einer weiteren Entdeckung erhoffte ich mir neue Einsichten: » Fünf Essays über Picassos Werk. Diese waren kürzer als erhofft, aber immerhin erfrischende Ansichten eines Künstlers. Hockney meint, daß der Einfluß Picassos noch gar nicht absehbar sei, und er schätzt ebenfalls besonders das Alterswerk, vor allen Dingen wegen seiner Fülle, aber auch wegen seiner angeblichen Erfindungskraft:

Die letzten zehn Bände des Zervos-Kataloges dokumentieren Picassos Arbeit von 1945 bis zu seinem Tod 1973. Sie sind unglaublich aufregend - mehr noch als jeder Krimi, den ich gelesen habe. Je länger ich sie studiert habe, desto faszinierter und neugieriger wurde ich. Es finden sich darin keinerlei Wiederholungen, was in einem catalogue raisonné überraschend anmutet. Fast jeder andere Künstler hätte sich wiederholt. Die wenigsten Menschen sind so erfinderisch. Eine Serie gefiel mir besonders, und ich verglich die Daten und fand heraus, daß sieben von ihnen an ein und demselben Tag gemalt worden waren, und daß er zu diesem Zeitpunkt 84 Jahre alt war! Schon die bloße Energie der Spätwerks wäre selbst bei einem 20 bis 30jährigen beeindruckend. Neben Picasso sehen manche Maler, die Ende 20 sind, wie alte Pensionäre aus. Man muß sich wundern, wie er schaffte, immer weiterzumachen; wodurch seine Erfindungskraft genährt wurde.

a.a.O., Seite 15


Damit endet der erste Vortrag “Picassos wirklicher Einfluß”, den er im Oktober 1986 im Los Angeles County Museum gehalten hat. Ich frage mich, wie lange dieser Vortrag wohl gedauert haben mag. Man liest ihn in wenigen Minuten. Die Geschichte wird vielleicht eine Weile ebenfalls von der bloßen Energie beeindruckt sein, aber auf die Dauer, fürchte ich, wird das nicht zählen. Warum sollte man sich mit Dingen beschäftigen, die irrelevant sind? Und ich fürchte, viele der Arbeiten Picassos sind irrelevant.

Nun mag man sich natürlich fragen, welche Kunstwerke überhaupt relevant sind. Ich fand es überraschend, daß Hockney sich als junger Künstler mit dem alten Picasso befreundet, und dann fiel mir auf, daß es mir ja genauso ging. Dann beschäftigte ich mich mit meinem Frühwerk und sah sehr deutlich, wie stark ich mich mit Picasso und seinem Spätwerk beschäftigt hatte. Entsprechende Beispiele von Hockney kenne ich nicht.

Der Aufsatz Laukötters endet wie folgt:

Vermutlich zählte für den Künstler aber nicht nur die reproduzierte Masse, sondern auch das Prinzip des Reproduzierens selbst. Wenn er die Kunst der letzten Jahrhunderte in seinen Arbeiten verwertete und erneuerte, wenn er Generationen, Epochen und Kulturen durchquerte, dann können auch die kommenden Künstlerinnen und Künstler seine Werke in den nächsten Jahrhunderten verwerten, erneuern und damit fortexistieren lassen. Die menschliche Komödie - ihre Fortsetzung folgt.

a.a.O., Seite 55


Die Arbeiten der Künstler der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die sich laut Hockney gegen den so übermächtigen Picasso wehren mußten, indem sie ihn verdrängten, sind jedenfalls heute vergessen, und auch die Arbeiten Braques oder Matisses lassen mich persönlich sehr kalt. Ich kenne auch kaum welche, woraus ich schließe, daß sie auch ganz allgemein weniger publiziert sind, von Matisse natürlich mehr als von Braque, aber sie interessieren mich nicht. Mein erster Beitrag im Radio war ein Bericht über eine Matisse-Ausstellung in Düsseldorf Anfang der achtziger Jahre, und ich finde es typisch, daß ich mich nicht erinnern kann. Picasso hingegen ist durchaus interessant, auch in seinem Scheitern. Mir geht es so wie John Berger. Ich leide an seinem Versagen, weil ich ihn so liebe.

Ich glaube, es war bei meinem Besuch in Picasso-Museum Münster anläßlich der Aufstellung “Das Musée Picasso Antibes zu Gast in Münster”, daß ich einen Blick in die Autobiographie von Fernande Olivier geworfen habe. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb sie, daß Picasso immer so traurig gewesen sei. Das leuchtet mir ein. Glücklich war er nicht. In Münster wurde behauptet, seine Zeit in Antibes sei die wohl glücklichste seines Lebens gewesen. Dabei beweist die Ausstellung genau das Gegenteil. Es war wohl eine katastrophale Zeit, eine unglückliche Zeit, was umso erschreckender und bestürzender ist, als es eine glückliche hätte sein sollen. O je, du armer Picasso!

Im erwähnten Katalog von Vernissage findet sich auch ein Interview mit Werner Spies, der die Ausstellung in Düsseldorf arrangiert hat. Spies antwortet da auf eine etwas geschraubte Frage:

Es wäre vermessen, über das Denken und die Spiritualität Picassos, die er auf grandiose Weise in seinen Bildern und Zeichnungen verschwiegen hat, zu diskutieren. Das einzige, was wir sehen und sagen dürfen: Es sind Darstellungen voller Schmerz und voller Leidenschaft. Erotisch, am Leben ist dieses Werk bis zum Tod. Mehr sollten wir nicht zu sagen wagen.

a.a.O., Seite 18


Schade. Ich finde schon, daß man sich mit ihm und seinen Werken auseinandersetzen muß, daß man mehr sagen muß. Dazu hat es schließlich gemalt. Wenn alle immer nur sagen “großartig, großartig”, machen sie ihn wirklich tot. Direkt neben dieser Aussage findet sich die Reproduktion eines Gemäldes mit dem Titel “Stehender Badener” vom 14. August 1971 mit den Maßen 195 x 130 cm aus einer Privatsammlung. Es ist einfach furchtbar. Das Ding ist eine Katastrophe. Das muß man doch sagen und schreiben!