Nr. › 669,  24×18cm, Öl / Malpapier, 11.08.1995 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Nr.  669, 24×18cm, Öl / Malpapier, 11.08.1995

Nr. › 679,  24×18cm, Öl / Malpapier, 18.08. bis 19.08.1995 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Nr.  679, 24×18cm, Öl / Malpapier, 18.08. bis 19.08.1995

Nr. › 689,  24×18cm, Öl / Malpapier, 24.10. bis 29.10.1995 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Nr.  689, 24×18cm, Öl / Malpapier, 24.10. bis 29.10.1995

Mitte März habe ich mich unter dem Titel  Egozentrik an einer Gesamtdeutung des Gemäldes  242 versucht. Dabei war der Begriff des Helden ins Visier gekommen.

Der Held als innere Figur, strahlend, jung, einzigartig, göttlich, im Gegensatz zur realen Person, die gewöhnlich, alt, krank und häßlich sein könnte. Diese Konzeption, die dem Menschen innezuwohnen scheint, war mit dem “kosmischen Bewußtsein” in Verbindung gebracht worden - was immer das sein mag.

Davon hatte ich keine Vorstellung, als ich zu malen begann. Mir fiel nur auf, daß es häufig, wenn nicht sogar immer, eine zentrale Figur gab, die männlich oder weiblich sein konnte, um die sich alles drehte - auf die die anderen Figuren im Bild bezogen waren.

Sehr selten sind Bilder, die nichts als den Helden enthalten. Meistens gibt es noch einen Begleiter, der auch ein Tier sein kann, wie bei  669.

Drei Beispiele, jeweils zehn Werknummern auseinander, aus dem Herbst 1995 sollen hier stellvertretend Beispiel sein und auch die Bandbreite zeigen.

Der Held in 669 ist nicht gerade jugendlich-strahlend, wirkt eher mittelalterlich-häßlich, während der in  679 durchaus etwas Siegfried-artiges an sich hat und ein bißchen an die Verarbeitung des Themas bei Max Beckmann erinnert, wozu vermutlich vor allen Dingen der abgebildete Schild beiträgt. Die Begleitperson scheint hier eher alt und erfahren, auf keinen Fall aber körperlich attraktiv zu sein.

Bei  689 wird die Sache nun dämonisch - der Begleiter im Hintergrund, obwohl malerisch ganz ähnlich gearbeitet wie der Held, gehört anscheinend doch einer anderen Realitätsebene an, die etwa Geistwesen, bösen Dämonen oder guten Engeln angemessen zu sein scheint.

In vielen Fällen erscheint der Held rechts im Bild, aber das ist keine Regel. Bei größeren Bildern taucht der Held mehr oder weniger in der Mitte auf. Insofern ist das Werk 242 keine Ausnahme. Es bringt lediglich sehr viele zusätzliche Figuren ins Spiel. Wenn man sich die gesamte Reihe der Werke vor Augen führt, fällt auf, daß in diesem Sinne die Komplexität auf die Dauer zunimmt. Zwar gibt es immer wieder auch einfache Bilder ohne viel Schnickschnack, aber zu Anfang überwogen diese, während sie später nur noch selten auftauchten (siehe z. B. auch die Bilder in der Betrachtung  Wiederkehr).

Ähnliche Beobachtungen kann man bezüglich des Hintergrundes anstellen. Die Hintergründe waren anfangs unbestimmt einheitlich, deuteten den Raum lediglich an, wenn überhaupt. Später wurde dieser mehr und mehr unterteilt, Horizont-Assoziationen stellten sich ein, wobei etwa fliegende Vögel oder schwimmende Wale die Raumdimension unterstrichen (siehe z. B. auch  Wiederkehr).

Dabei ist zugleich klar, daß es sich nicht um reale Räume handeln kann. Vielmehr tauchen segmentierte Hintergründe auf, die keinerlei Zusammenhang zu haben scheinen und oft mehrere Horizontlinien auf unterschiedlicher Höhe zeigen (siehe z. B.  509). Bei der Durchsicht der Online-Galerie ist mir aufgefallen, daß z. B.  223 einen diffusen Hintergrund hat, während  227 schon die vertikale Aufteilung des Hintergrundes bringt, wobei jedoch die Horizontale noch fehlt.

Aufgrund der lückenhaften Galerie kann man natürlich keine Schlüsse ziehen; im übrigen ist es vielleicht doch nur von akademischem Interesse, solche Entwicklungen aufzuzeigen. Hier ging es mir ja darum, das Werk 242 insgesamt zu würdigen. Die zentrale Figur des  Langohr, so hatten wir gesehen, ließ die Assoziation “Buddha” durchaus zu. Dieser wird von der Wikipedia wie folgt charakterisiert:

Buddha (Sanskrit, m., buddha, wörtl. „Erwachter“, auch „Erleuchteter“) bezeichnet im Buddhismus jemanden, der Bodhi (wörtl. „Erwachen“, auch „Erleuchtung“) erfahren hat. Im Besonderen bezeichnete der historische Buddha, Siddharta Gautama, sowohl sich selbst als Buddha als auch diejenigen, welche in vorhistorischer Zeit, genau wie er, aus eigener Kraft, ohne die Anleitung eines anderen Buddha, das Erwachen erlangt hatten.

Ein Buddha ist ein Wesen, welches aus eigener Kraft die Reinheit und Vollkommenheit seines Geistes erreicht und somit eine grenzenlose Entfaltung aller „seiner“ Potentiale erlangt hat: vollkommene Weisheit (Prajna) und unendliches, gleichwohl distanziertes Mitgefühl (Karuna) mit allem Lebendigen. Er hat bereits zu Lebzeiten Nirvana verwirklicht und ist damit nach buddhistischer Überzeugung nicht mehr an den Kreislauf der Reinkarnation gebunden. Von „seinem“ Geist kann man eigentlich gar nicht sprechen, denn diese Erlangung ist von transzendenter Natur, mit dem Verstand des unerwachten, weltverhafteten Menschen nicht zu erfassen, ist „tief und unergründlich wie der Ozean“. Aufgrund des höchst überweltlichen Charakters dieser Erfahrung entzieht sich diese einer weltlich-wissenschaftlichen Prüfung. Die Qualität der Buddha-Erfahrung ist für Menschen, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben, nicht nachzuvollziehen. Der Glaube daran, dass einzelne Menschen eine solche Erfahrung tatsächlich erlebt haben, ist für sie quasi-religiöser Natur, solange sie selber weltbefangen verbleiben.

Eine Buddha-Erfahrung tritt sehr selten auf. Nach der buddhistischen Tradition ist ein Zeitalter, in dem ein Buddha auftritt, ein „glückliches Zeitalter“, denn es gibt sehr viele Zeitalter, in denen kein Buddha auftritt und deshalb auch keine Lehre der endgültigen Befreiung befolgt werden kann: ein „dunkles Zeitalter“.

» Buddha


Buddha also als Erleuchteter aus eigener Kraft - das will freilich nicht recht zu den vielen Hilfsfiguren passen, die 242 bevölkern. Ansonsten scheint die Assoziation nicht falsch zu sein. Es geht anscheinend für die Helden durchaus darum, einen Weg zurückzulegen, der geistiger Natur ist und Herausforderungen bereithält. Deshalb vielleicht das überall zu bemerkende Zögern, leise Anflüge von Furcht, sehr selten von Angst, fast immer begleitet von deutlichen Kennzeichen der Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit, den Weg zu beschreiten.

Es sind vor allem die Begleitfiguren, die Zuversicht ausstrahlen, die zu wissen scheinen, wohin die Reise geht, die den Helden stärken und ermutigen, obwohl man nicht immer sicher ist, daß er sich ihrer überhaupt bewußt ist. Das “Personal” in 242 wirkt enorm exotisch. Die ganze Szenerie mutet etwas bedrohlich an, und namentlich die  Kaktus-Figur weckt Assoziationen zu der phantastischen “Don Juan”-Reihe von » Carlos Castaneda, die mich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre beschäftigt hatte. Die indianischen Rituale haben ja durchaus etwas Bedrohliches an sich.

Aber auch da geht es ja - selbst wenn alles nur erfunden sein sollte, was heute so gut wie sicher zu sein scheint - um die geistige Entwicklung des Helden, selbst wenn dieser in der Realität vor allem ein Tölpel ist. Die spirituellen / geistigen / religiösen Vorstellungen Castanedas erscheinen freilich ziemlich verquast. Wie aber findet der Held seinen Weg? Ein Buddha findet ihn ohne Lehrer. Sind die Helfer in diesem Sinne Lehrer? Eher nicht. Muß also der Held seinen Weg alleine finden? Sieht so aus.