Ursprünglich erschienen 1998 als » Weekly Work Nr. 39


 Weekly Work Nr. 39: 568, viel Glück · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
In der letzten Woche habe ich über esoterische Astrologie und Psychologie gesprochen, um die merkwürdige Drachenpuppe in Gemälde Nr. 292 zu verstehen. Ich versuchte, Ihnen zu vermitteln, daß ich genauso Schwierigkeiten habe, dieses Gemälde zu verstehen, wie Sie. Ich kenne das Gemälde vorher nicht, es entwickelt sich unter meinen Händen, und wenn es vollendet ist, lasse ich es wirken. Wie kann man das in Bezug auf das obige Bild verstehen?

Wir haben in der letzten Woche gelernt, daß Menschen als Bündel von Charakteren verstanden werden können, wie sie im Kasperletheater auftreten, wobei alle gleichzeitig in derselben Person zur gleichen Zeit wirksam sind, gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Drei von diesen waren Teil des Gemäldes, König, Räuber und Krokodil.

Diese Überlegung führte zu einem grundlegenden Verständnis der allgemeinen Wirkung, die Kunst auf dem Betrachter hat. Kunst wirkt von innen, zeigt Bilder, ruft Gefühle hervor und verändert den Betrachter dadurch.

Man kann diesen Mechanismus sehr leicht an Filmen beobachten, die man wiederum als Märchen für Erwachsene ansehen kann. Filme nutzen die Mechanismen, aus denen Träume gebaut sind, weidlich aus. Die Besucher gehen ins Kino, um sich besser zu fühlen. In der letzten Woche wurde ich auf eine Internet-Seite aufmerksam, die von Psychologen unterhalten wird. Diese bezeichnen Filme ganz offen als Kur für psychologische Probleme.

Ein Zitat: “Ein Kinobesuch kann unsere Gefühle und unser Denken so stimulieren, daß unser Leben berührt wird und wir betroffen sind.” » Therapeutic Cinema führt eine Liste von Filmen in 20 verschiedenen Kategorien, darunter Verliebtheit, Veränderung, Freundschaft, Schuld, Vertrauen.

Viele Künstler wissen nicht genau, warum sie tun, was sie tun, wenn sie ihre Kunst ausüben, aber sie wissen, daß es wichtig ist, daß sie es tun. Für den Kunstbetrachter ist es ebenfalls wichtig, oder für die “Gesellschaft”, aber oft ist es für sie schwierig, das zu erkennen.

Ein gutes Beispiel ist die Kunst von Niki de St.Phalle. Vor einigen Tagen stellte sie ziemlich deutlich klar, daß Kunst für sie ein Weg war, sich im Leben zurechtzufinden. Kunst half ihr nicht nur, ihre Gefühle und Persönlichkeit auszudrücken, sondern bescherte ihr neue Einsichten in heutige Lebensbedingungen, die uns alle betreffen.


 Niki de St. Phalle, Nanas and Snakes · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Die wohlbekannten Nanas bringen zum Beispiel eine Sicht auf die Weiblichkeit zum Ausdruck, die bis dahin unbekannt war. Sie wußte nicht, was sie tat und wohin sie diese Aktion führen würde. Die Nanas waren für sie ebenso neu wie für jeden anderen. Jeder neue Skulptur zeigte ihr etwas, das ihr vorher unbekannt war. Sie erlebte überwältigende Freude und Stärke, während sie bei früheren Arbeiten nur extreme Wut und Schmerz fühlte und zum Ausdruck brachte.

Das bringt einen anderen Gedanken zum Vorschein. Wo kommt das alles hier? Wo führt das alles hin? Es gibt durchaus Anzeichen, die die von C.G. Jung entwickelte Theorie stützen, daß alles, was jemals von einer Person erlebt, gedacht oder erfahren wurde, in jedem einzelnen Menschen bis zum heutigen Tage fortlebt. Alles, was irgend jemand denkt und erlebt, wird diesen Schatz hinzugefügt.

Betrachten Sie die prähistorischen Figuren der fetten Frauen, die in ganz Europa gefunden worden sind. Die Nanas von Niki ähneln diesen sehr, aber sie haben auch einzigartige Züge, die unserer Zeit angehören.


  Prähistorische Skulpturen: Venus von Willendorf und Schlafende Priesterin aus Malta · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Worum geht es bei diesen Nanas? Niki ist etwa zwanzig Jahre älter als ich. Sie heiratete, als ich geboren wurde. Ich wuchs mit dem starken Glauben an die Gleichheit von Männern und Frauen auf. Ich brauchte ein halbes Leben, um herauszufinden, daß vermutlich das Gegenteil richtig ist: Männer und Frauen sind gegensätzliche Pole und extrem verschieden. Sie brauchen beide diese Distanz und zugleich den Kontakt.

Die feministische Bewegung geriet in Schwierigkeiten, wie wir alle wissen. Beide Geschlechter kämpfen seit längerem um eine neue Rollendefinition. Die Nanas paßten überhaupt nicht in dieses Schema, sie stellen eine sehr persönlichen Sicht dar und übertreiben weibliche Merkmale in einer Weise, die heutzutage sehr unpopulär ist. Weiterhin ist Lebenslust in unserer Zeit sehr selten, wie sich auch in dem Slogan “No future” ausdrückt.

An den Nanas sieht man sehr deutlich, wie einen Künstler neue Ideen und die Inhalte mit Methoden findet, die der wissenschaftlichen Denkweise absolut fremd sind. Außerdem ist völlig klar, daß Nìkis Arbeiten die Gedanken und Gefühle von jedem beeinflußt haben, der ihrer ansichtig wurde. Drittens konnte sie ihren Zustand der Wut in den des Schmerzes und schließlich der Freude verwandeln.


 Niki de St. Phalle, Tarot Garten: Magier, Verwandlung, Turm · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Vor zwanzig Jahren begann sie mit der Arbeit an ihrem Tarot-Daten in der Toskana in Italien. Ich hoffe, daß sich in eines Tages besichtigen kann. Unglücklicherweise konnte ich nichts darüber im Internet finden. Das ist ihre Arbeit als reife Künstlerin, monumental, populär, langlebig. Die Metallplastik an der Spitze des Turms ist von ihrem Mann, dem Künstler Jean Tinguely.

Nìki greift dabei auf Bilder und Ideen zurück, die Tausende von Jahren alt sind, nämlich dem Tarot-Kartensystem, das in unserer Zeit wieder sehr populär ist. Die Ursprünge des Tarot liegen im Dunkeln. Möglicherweise ist das Tarot der Urahne aller Kartenspiele. Manche glauben, daß man das gesamte Leben mit den zwölf größeren Karten einfallen kann, etwa so wie mit den chinesischen I Ging.

Alle zwölf Karten (wieder diese Zahl) werden in Nìkis Tarot-Garten wiedergegeben. Die Leute wandern herum und setzen sich der Umgebung aus und werden beeindruckt und gleichzeitig transformiert. Vergleichen Sie das mit Disney World. Welch ein Unterschied!

Zurück zum Gemälde dieser Woche: Ich zähle zehn Figuren, die um eine Heldenfigur gruppiert sind. Der Held ist nackt, die anderen Figuren beziehen sich auf ihn, und die Stimmung ist ermutigend. Dieses Gemälde wirkt genau so wie Filme wirken. Man setzt sich seiner Gegenwart aus und wird verändert.

Es ist derselbe Mechanismus, den wir mit den Nanas von Niki de St. Phalle erlebt haben. Ich habe mit diesem Gemälde einige Jahre gelebt und mochte es sehr. Ich fühlte mich sehr gut mit ihm. Ich glaube, es geht um den Aufbau von Zuversicht und Stärke und darum, seinen Weg im Leben zu finden und dabei Helfer zu haben, die einen bei dieser Aufgabe unterstützen.