Ursprünglich 1998 veröffentlicht als » Daily Drawing Nr. 28


 Daily Drawing Nr. 28: 692, ausgebrannt · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

Es ist Zeit, diese alten Zeiten zu verlassen… Das ist lange her… Damals war ich ein junger Mann…. Nostalgische Gefühle, wenn ich zurückblicke…

Etwas Neues: Dies ist eine recht neue Zeichnung. Hohe Nummer. Und wieder ein Selbstportrait.

Damit kein Mißverständnis entsteht: Ich sitze niemals vor einem Spiegel. Aber ich kann es nicht ändern, es ist immer ich selbst. Ich habe es allerdings nicht gemerkt. Damals in den Siebzigern, als meine erste Frau noch bei mir war, malte ich ein Bild mit einer tanzenden Frau und einem Mann, der sie offensichtlich bewundert.

Als ich ihr sagte, daß ich einige Ähnlichkeit zwischen ihr und der Tänzerin sehe, antwortete sie sofort: “Das bin nicht ich, das bist du!” “Wieso, es ist eine Frau!” “Schau doch mal die Nase! Das ist deine!” Ich verstummte. Ich wußte nicht, wie meine Nase im Profil aussieht.

Keine Ahnung, wo ich den Gemeinplatz gelesen habe, daß der Porträtist immer eine Mischung aus der porträtierten Person und sich selbst malt. Und wenn er etwas anderes malt, ist es vermutlich genauso. Nun, das ist eine allgemeine Regel: Sie sind Ihre Nase insofern als niemand sonst Ihre Nase besitzt, und dasselbe trifft auf Ihre Augen, Ohren usw. zu! Sie sind Ihre Umgebung, Ihre Möbel, Ihre Kleidung, Ihre Stimme, Ihre Gefühle, warum nicht auch Ihre Gemälde?

Aber hier etwas Genaueres: Wenn Sie sich viele meiner Werke anschauen, werden Sie wenige Stilleben oder Landschaften finden und nicht eine einzige abstrakte Arbeit, abgesehen von den frühen Paraphrasen. Fast immer werden Sie wenigstens einen Kopf finden, und wenn es mehrere davon gibt, wird einer davon im Zentrum sein oder sonst irgendwie hervorgehoben.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, die Bilder wie Träume zu lesen, wo die Psychologen ja auch darauf bestehen, daß jeder Aspekt eines Traumes wieder ich selbst bin. So ist die helle Frau rechts ich selbst und die dunkle auf der linken ebenfalls, die Vögel, die Schlange, der Mond, die nicht identifizierbaren Objekte, und natürlich der Held.

Vermutlich werde ich diese Figuren sogar auf lebende Personen projizieren, so daß der Held mein Ego ist, die helle meine Frau, wie ich sie gerne hätte, die dunkle meine Mutter, wie ich sie beliebe zu sehen, und vielleicht erzählt mir dieses Gemälde etwas, was ich bewußt nicht wahrnehme.

Diese Art von Zusammenstellung habe ich mehrfach gemalt, ohne zu wissen, was es bedeuten könnte. Als ich dieses Blatt malte, hätte ich aus Erfahrung und Lektüre wissen können, was es bedeutet, aber ich habe es nicht so gesehen, was beweist, daß die Wahrheit der Seele verschieden ist von der Wahrheit der Vernunft. Sie können gewissermaßen die Kräfte meiner Seele bei der Arbeit beobachten.

Ich versuche es in Worte zu fassen, auf die Gefahr hin, daß es lächerlich klingt. Meine Mutter belastete mich mit einem Fluch - natürlich wußte sie das nicht. Sie benannte mich nach dem Mann, den sie liebte. Sie hatte ihn nie erwähnt, mein Vater weiß nichts über ihn. Er fiel im Zweiten Weltkrieg, und ich wurde sein Ersatz. Als meine Familie sie das letzte Mal vor ihrem Tod besuchte, sprach sie ausführlich über ihn und daß sie immer wollte, ich würde wie er werden (mein Vater war in einem anderen Raum).

Nun stellen Sie sich vor: Ich hörte von all dem nichts! Wenigstens kann ich mich nicht daran erinnern. Dieser Typ war mir vollkommen unbekannt. Jetzt weiß ich das, weil meine Frau mir von dem Gespräch berichtet hat. Sie hörte meine Mutter immer über ihn reden, seit sich die beiden das erste Mal getroffen haben. Das muß jetzt zwanzig Jahre her sein.

Als ich im letzten Jahr eine Familienaufstellung machte, das ist so eine Art therapeutisches Theater, sagte die Therapeutin als erstes: “Das ist schwierig. Diesen Mann kriegt keine Frau.” Vielleicht weiß der Held das jetzt und spürt all die Kraft, die durch diesen Fluch gebunden ist. Er ist noch nicht frei. Und ziemlich erschöpft. Aber man kann sehen, wie lebendig die Vögel sind.





Anmerkung: Ein paar Jahre später kann ich mit diesen Anspielungen schon nichts mehr anfangen - war das wirklich einmal real, hat mich das wirklich einmal beschäftigt? Die Faszination des Bildes hat allerdings nicht nachgelassen. Das nehme ich als Zeichen dafür, daß meine Spekulationen völlig daneben waren.