Ausschnitt aus No. › 271a (Privatbesitz) · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ausschnitt aus No.  271a (Privatbesitz)

In den letzten Tagen habe ich auf Deutsch über die Fragen “Wer malt?”, “Blaue Periode” und “Werde, der du bist” geschrieben.

Dabei bin ich ganz natürlicherweise auf Picasso gestoßen, einmal, weil er einer der größten Meister des letzten Jahrhunderts war, und zum zweiten, weil wir sehr viel über ihn wissen. Ich habe dabei einen Artikel erwähnt, den ich vor ein paar Jahren über das berühmte Gemälde » Guernica geschrieben habe.

Heute hat mich jemand auf einen Aufsatz über schreiende Pferde hingewiesen. Fast alle wissen, daß Pferde Schmerz nicht ausdrücken können, aber trotzdem behaupten manche Leute das Gegenteil, insbesondere in Kriegszeiten.

Da habe ich mich wieder an meinen Artikel über Picasso erinnert und ihn noch einmal nachgelesen. Picasso benutzte gequälte Pferdeköpfe und -körper, um extremen Schmerz auszudrücken. Ich schrieb, daß ich zweimal in meinem Leben erlebt habe, wie Pferde Schmerzlaute von sich gegeben haben, einmal beim Todeskampf meines Pferdes. Aber als ich wieder darüber nachdachte, schien es mir doch eher ein Schrei als ein Grummeln zu sein. Das war aber in Bezug auf diesen Artikel eher nebensächlich.

Der ganze Aufsatz ist sehr interessant, aber leider noch nicht ins Englische übersetzt. Ich kenne keinen über dieses Gemälde, der die darin entwickelten Gedanken ausführen würde. Außerdem fand ich, daß viele der Ideen, über die ich in den letzten Tagen geschrieben habe, dort viel besser und ausführlicher ausgeführt sind, und zwar im Kontext von Picassos Werken, die er im Zusammenhang mit diesem Meisterwerk entwickelt hat. Es ist wohl einfacher, über jemand anders zu schreiben als über die eigenen Sachen.

Die Frage ist natürlich: Was ist Kunst? Wann wird aus Form und Farbe etwas Bedeutungsvolles, etwas Wichtiges, etwas, das nicht einfach irgend eine billige Idee illustriert. Es gibt so viele Bilder in dieser Welt, jeden Tag werden Millionen mehr davon produziert. Man kann sich auf Auktionen, in Museen, Galerien, Magazinen, dem Internet umschauen - man findet tonnenweise mehr oder weniger Interessantes. Was von all dem wird in einem Jahr noch bedeutend sein, in fünf, zehn, hundert Jahren, in tausend Jahren?

Gestern bin ich zufällig über den Artikel » How to Build a High-Traffic Web Site (or Blog) (Wie baue ich eine hochpopuläre Internet-Seite?). Die Antwort ist: Es ist einfach. Mach es richtig und der Rest folgt von alleine. Frage nicht nach sofortiger Belohnung, frage dich, was zukünftige Generationen darüber denken werden!

Kennen Sie das Buch “Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten” (» Zen and the Art of Motorcycle Maintenance)? Das ist ein sehr interessanter Roman, der sich stark mit Philosophie beschäftigt. Nachdem der Autor viele Dinge diskutiert hat, fragt er: “Wie malt man ein perfektes Gemälde? Es ist einfach. Perfektioniere dich selbst, und dann malst du einfach drauflos. So machen es alle Experten.” (”How to paint a perfect painting? It’s easy. Make yourself perfect, then just paint naturally. That’s the way all the experts do it.”)

Na ja, das ist einfach gesagt, aber sehr schwer umzusetzen, und tatsächlich geht das selbst bei den Meistern ziemlich oft daneben. Picasso scheiterte beispielsweise meistens in seinen späteren Jahren, und er wußte es, das war die Tragödie seines Lebens. In dieser Hinsicht bietet der oben erwähnte Aufsatz wirklich Einsicht in die tiefen Dimensionen großer Kunst.

Das Interessante ist, daß dieses Gemälde nichts mit modernen Zeiten, Krieg, Spanien, Guernica zu tun hat, und daß darüberhinaus alle Figuren und Symbole absolut private Bedeutung für Picasso hatten und von ihm seit Jahren benutzt worden waren. Aber jeder versteht und spürt, daß dieses Bild etwas Fundamentales zu sagen hat, was man anders nicht ausdrücken könnte.

So ist es also mit der Kunst. Eine Aussage, die mit anderen Mitteln nicht produziert werden könnte. Das klingt wiederum einfach, ist es aber nicht. Nehmen Sie eine große Leinwand, ein paar Eimer Farbe, ein paar dicke Pinsel und bringen Sie die Farbe irgendwie auf die Leinwand. Das ist eine Aussage, nicht wahr? Könnte in keiner anderen Weise erbracht werden. Aber es ist keine Kunst, tut mir leid. Es hat keine Bedeutung. Es könnte mehr oder weniger dekorativ, ästhetisch usw. sein, aber das würde es in keiner Weise besser machen, wenn man an die Zukunft denkt. Jeder gute Designer hat genug Geschmack, um etwas Nettes oder Provozierendes zu produzieren, was immer Sie von großer Kunst erwarten. Dadurch wird er kein Künstler und sein Produkt keine Kunst. Wenn es so einfach wäre, würde jeder es ständig machen.

Fallen Sie nicht auf alle diese Leute rein, die Ihnen erzählen, daß das große Kunst ist, weil es die Museen und Galerien füllt und zu hohen Preisen auf Auktionen verkauft wird. Das bedeutet alles nichts im Angesicht der Zukunft. Je höher Sie steigen, desto dünner wird die Luft. Je mehr Sie wissen, desto weniger werden Sie wirklich schätzen, aber was Sie schätzen, das werden Sie immer mehr lieben, über jedes Maß hinaus. Und das ist großartig. Sie wissen und genießen. Sie wollen sich nicht selbst reinlegen. Sie wollen sich nichts verkaufen.

Es gibt eine nette Geschichte zu dem Bild, mit dem ich diese Betrachtung illustriert habe. Das Gemälde war für viele Jahre der Anziehungspunkt in einer Galerie, aber niemand wollte es kaufen. Und eines Tages, als ich dachte, ich sollte mal wieder einen Blick darauf werfen, erzählte mir der Besitzer, er habe es einem jungen Paar verkauft, das sich darin verliebt hatte. Großartig! Dieses Bild behandelt etwas ganz Wesentliches, und es ist gut, daß junge Leute jeden Tag ihren Blick darauf wandern lassen. Es erzählt etwas darüber, was im Leben wichtig ist. Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht.