Ausschnitt aus No. › 242 (Privatbesitz) · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ausschnitt aus No.  242 (Privatbesitz)

Heute will ich mal wieder auf deutsch parlieren - zwar beschränke ich damit mein Publikum, aber schließlich ist es meine Muttersprache, und wenn ich auf englisch schreibe, bin ich für meine Landsleute einfach nicht so verständlich.

Abgesehen davon heißt englisch eben auch nicht viel - welcher Franzose spricht schon englisch? So sind wir denn in unseren Sprachen gewissermaßen gefangen.

Demgegenüber scheinen Bildsprachen universell zu sein, aber das sind sie natürlich auch nicht. Man muß Bilder lesen lernen, und Bilder stehen genauso in einer kulturellen Tradition wie die Sprache.

Es versteht sich zum Beispiel keineswegs von selbst, daß die dritte Dimension in der Bildfläche nachgeahmt wird, und es versteht sich auch nicht von selbst, daß diese Nachahmung gelesen werden kann.

Bei Fotografien hat man oft den fälschlichen Eindruck, daß diese einfach nur den Eindruck des Auges wiedergäben. Fotos, die man schwer oder gar nicht entziffern kann, zeigen, daß auch Fotos gelesen werden wollen.

Die kulturelle Tradition ist nicht beliebig wählbar. Wir werden in diese Tradition hineingeboren und können sie nicht abschütteln. Es ist gewissermaßen wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen. Natürlich kann man gegen eine Tradition rebellieren, aber dadurch schüttelt man sie nicht ab und man stellt sich auch nicht außerhalb. Das geht eben gar nicht.

So eine kulturelle Tradition ist unglaublich vielfältig und will erarbeitet werden. Es gibt daher niemanden, der alles kennt, schon gar nicht alles gleich gut, aber es reicht für die Kommunikation innerhalb der Kulturgemeinschaft, daß die Kenntnisse und Einstellungen sich überdecken.

Ich habe in den letzten Beiträgen mehrfach Picasso erwähnt und seine Rolle in Bezug auf unsere visuellen Erfahrungen. Es gibt heute kaum jemanden, der nicht wenigstens ein Dutzend Bilder von Picasso gesehen hätte. Damit schaffen wir eine Grundlagen für den kulturellen Austausch.

Ganz anders sieht es zum Beispiel mit Max Beckmann aus. Der ist weiten Teilen der Kulturgemeinschaft unbekannt, obwohl in Deutschland, England und den USA immer wieder enorme Anstrengungen unternommen worden sind, um sein Werk bekannter zu machen.

Max Beckmann war etwa gleich alt wie Picasso, ist aber viel früher gestorben. Zwar sagte er einmal: “Wenn man nicht 80 wird, lohnt es sich nicht”, aber ganz so ernst darf man das nicht nehmen. Er war schon als Jüngling sehr von sich überzeugt.

Bei Beckmann fällt auf, daß er mit Unmengen von Gerümpel arbeitet, man kann auch vornehm sagen: Symbolen. Damit griff er natürlich auf die kulturelle Tradition zurück. Wer Kerzen malt, beschäftigt sich mit grundlegenden Lebensfragen. Brennt die Kerze, sagt das etwas anderes als wenn sie erloschen ist. Ist sie dazu noch umgestürzt, darf man getrost von einem bösen Ende ausgehen.

Die Kerze symbolisiert also das Lebenslicht, oder genauer gesagt: Sie wirkt als Zeichen. Ein Zeichen weist nicht über sich hinaus, während ein Symbol durch Deutung nicht zu fassen ist. So ist ein Kreuz ein Symbol, eine Kerze aber ein Zeichen wie ein Verkehrszeichen.

Weil Beckmann viele Zeichen dieser Art benutzt hat und auch einige Symbole, meinten Kunsthistoriker in den letzten Jahrzehnten, einfach Schlüssel entwickeln zu können. Bis weit über seinen Tod hinaus galt Beckmann nämlich als unverständlich, rätselhaft. Das große Orakel, bedeutungsschwer, aber verschlossen und letzten Endes unverständlich.

Beckmann selbst meinte, daß das Verständnis sich intuitiv einstellen würde; manche würden es halt verstehen, andere nicht, man müsse sozusagen den Schlüssel schon im Herzen tragen.

Was mich betrifft, so bin ich skeptisch. Ich verstehe die Bilder ja selber nicht, dabei habe ich sie gemacht. Der Kopf des indianischen Kriegers, den ich gestern gewürdigt habe, geht über in einen Fisch. Es ist kein Fisch, wie er im Biologiebuch steht, aber doch als Fisch deutlich erkennbar. Gerade jetzt entdecke ich zum ersten Mal, daß der Fisch sogar Kiemen hat.

Der Fisch ist nun ein Zeichen, er steht für das Element Wasser, für das Christentum, für das Leben in der Masse, für Sexualität und noch einiges mehr. In diesem Sinne hat Beckmann den Fisch mehrfach eingesetzt, manchmal sogar überaus plakativ, geradezu aufdringlich. Hier ist die Sache allerdings deutlich schwieriger. Was hat der Fisch in diesem Bild zu suchen und was vermittelt er hier?

Ich habe darauf keine Antwort, und möglicherweise ergibt sich Erhellendes, wenn man das Bild als Ganzes sieht. Im Moment kommt es mir nur darauf an, deutlich zu machen, daß der Fisch in keiner Weise willkürlich, als Fremdkörper im Bild auftaucht, sondern ebenso selbstverständlich und integriert wie alle anderen Elemente, etwa das Auge oder die Lippen des Kopfes nebenan. Dieser Ausschnitt konzentriert sich auf den Fisch, aber der Ausschnitt von gestern zeigte die gelbe Figur als Haarpracht des Indianers. Die gelbe Form ist also beides, Haarschmuck und Fisch.

Und auch der Fisch wirkt ernst, fast bestürzt. Sein Auge spricht, fixiert den Betrachter, während der Indianer eigentlich eher in die Ferne und zugleich nach innen schaut. Der Fisch kommuniziert, was man von realen Fischen wahrscheinlich eher weniger sagen kann. Dieser Fisch überspringt die Grenzen der Gattung und bringt sich in eine Beziehung zum Betrachter und vermutlich zu den Figuren des Bildes ein.

Dieses Bild ist schon ziemlich merkwürdig. Es kommen zwar eigenartige Figuren darin vor, aber sie sind äußerst präzise dargestellt, obwohl die Malweise sehr virtuos und locker ist. Es gibt nichts Unbestimmtes wie etwa bei » Bernhard Heisig, dessen Bilder ebenfalls gerne vollgekramt sind. Jede Form ist so dargestellt, daß man den Eindruck hat, sie könnte gar nicht anders sein.