Ursprünglich 1998 veröffentlicht als » Daily Drawing Nr. 29


 Daily Drawing Nr. 29: 623, der Drache kommt · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

Nun ein Blick auf dieses… Und wieder all diese Tiere… Erinnern Sie sich an die lebhaften Vögel der gestrigen Auswahl? Und jetzt dieser kleine Drache, ist er nicht süß? Die Tauben turteln auf dem Kopf des Helden, der keines dieser Tiere zu bemerken scheint. Haben Sie die gefährliche rote Schlange entdeckt, die sich um seinen Hals windet?

Der Held sieht gar nicht heldenmäßig aus. Kein Sylvester Stallone-Typ. Nicht einmal ein Crocodile Dundee-Typ. Oder Indiana Jones oder James Bond, oder wie sie alle heißen. Moderne Filme sind voll von Helden. Unsere Seele scheint ihrer zu bedürfen. Dieser Typ ist überhaupt kein Held. Er zögert. Er schaut nicht in die Welt, um ihr seinen Stempel aufzudrücken, er schaut nach innen.

Vor der Schlange fürchtet er sich nicht, es sieht sogar so aus, als würde er sie gar nicht bemerken, aber weiß er nicht, daß sie da ist? Dasselbe mit dem Drachen - man könnte so schauen während der Hund herumspringt, weil er heiß ist auf den Spaziergang: Sie wissen es und Sie wollen ihm auch den Gefallen tun, aber es gibt da etwas, über das Sie noch nachsinnen, und deshalb ist Ihre Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Die Schlange ist schon gefährlich, aber sie scheint den Kopf des Helden manipulieren zu wollen, zielt auf seine Stirn als ob sie ihn mit ihrer Zunge küssen wollte, ihre Bewegung ist eher zärtlich, wie die einer Mutter, die ihr Kind segnet.

Es gibt viele Schlangen in meinen Gemälden, über die kritische Situation, als die erste Schlange unter etwas eigenartigen Umständen erschien, habe ich ausführlich in meiner Rede “Über die Beobachtung des schöpferischen Prozesses” (Siehe Daily Drawing 22: 226, all diese Tiere) berichtet. Schlangen sind sehr wichtige Tiere für Menschen, eine Schlange erscheint in einer sehr tragenden Rolle in der Bibel, wie wir alle wissen, und moderne feministische Theologinnen fanden heraus, daß sie die weibliche Gottheit darstellt, die vor den männlich geprägten monotheistischen Religionen da war.

Daher ist die Schlange nicht böse, sondern weise, und man kann das sogar aus der biblischen Geschichte vom Garten Eden herauslesen. Die Schlange war mit der Göttin als heiliges Tier verbunden, und zwar auf natürliche Weise. Damit Sie folgen können, muß ich allerdings etwas ausholen. Frauen gebären neues Leben, was bis zum heutigen Tage ein Mysterium höchsten Ranges ist, so daß es auf der Hand liegt, daß die göttliche Macht mit dem Weiblichen assoziiert wurde.

Frauen menstruieren im Rhythmus des Mondes, und früher sollen sie das sogar synchron zum Mond getan haben. Das soll sich aus älterer Literatur ergeben, wurde aber von modernen Wissenschaftlern angezweifelt, weil es offensichtlich nicht stimmt. Moderne Frauen wollen herausgefunden haben, daß dies dem künstlichen Licht geschuldet ist, dem sie heute ausgesetzt sind. Jede Frau könne sich leicht wieder synchronisieren, indem sie das Mondlicht mit einer Bettlampe simuliert. Meine Frau hat ein amerikanisches Buch vom Beginn der achtziger Jahre mit dem Titel “Lunaception” in ihrer Bibliothek, das diese Mechanismen als Verhütungsmethode ausarbeitet. Tatsächlich soll die Synchronisation innerhalb von ein bis drei Zyklen funktionieren.

Der Mond wiederum ist das perfekte Beispiel für eine zyklische Änderung. Er wächst, nimmt ab, stirbt und wird wiedergeboren. Drei Tage bleibt er in der Unterwelt, und damit haben wir die magische Formel unseres Herrn Jesus. Aber diese Formel ist viel älter als Jesus, sie wird in Verbindung mit vielen Ritualen gebracht, die sich mit Tod und Wiedergeburt beschäftigen, was nun wieder sehr wichtig ist für die Agrargesellschaften, die von der Fruchtbarkeit der Erde abhängen. Der Same wird (lebendig) in der Erde begraben, bleibt dort für einige Zeit und ersteht wieder neu, um zu reifen und wieder zu sterben. Hier hat man also die Zyklen des Lebens sehr plastisch vor Augen, aber selbstverständlich hat man sie schon vor den landwirtschaftlichen Kulturen bemerkt.

Der Mond ist in Bezug auf seine zyklische Wiederkehr extrem zuverlässig und garantierte in dieser Weise den Fortbestand des Lebens. Die Zyklen des Mondes legen aber auch die Idee der Wiedergeburt nahe, und Schlangen sind Tiere, die diese Idee symbolisieren. Sie häuten sich regelmäßig, scheinen zu sterben und leben wieder auf, wenn sie die Prozedur hinter sich haben. Man nahm sogar an, daß Schlangen ewig leben. Kein Wunder, daß Schlangen mit dem Mond und der Göttin assoziiert wurden. Ich wußte das alles natürlich nicht, als ich die ersten Schlangen malte, aber einige Jahre später las ich von diesen Einsichten, die man aus neueren archäologischen Erkenntnissen ableiten konnte.

Ich kannte allerdings die kretische Skulptur einer Priesterin mit Glockenrock, bloßen Brüsten, und je einer Schlange in ihren Händen. Dieses Bild muß allgemein verbreitet worden sein, als Modeschöpfer die bloßen Brüste für eine Saison in den Siebzigern oder Achtzigern propagierten. Vermutlich habe ich es bei dieser Gelegenheit gesehen. Natürlich wurde sie als Kuriosität gezeigt, niemand wußte, was das bedeuten sollte.

Wiedergeburt ist ein weitverbreiteter Glaube, außer in jüdisch-christlichen Gesellschaften. Es gibt zwei Hinweise, die darauf schließen lassen, daß Jesus und seine Jünger mit dieser Idee vertraut waren; diese wurden offenbar übersehen, als das neue Testament nach dem Konzil in Nicea 333 gereinigt wurde. Damals wurde nämlich beschlossen, daß Wiedergeburt ein Aberglaube ist, und zwar vermutlich aus politischen Gründen. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde in Bezug auf Wiedergeburt einiges geforscht; ich erinnere mich daran, ein amerikanisches populärwissenschaftliches Buch mit dem Titel “20 Cases Suggestive of Reincarnation” gelesen zu haben.

Der bekannte Schweizer Psychotherapeut C.G. Jung hat viele Beispiele gesammelt, die beweisen sollen, daß die Macht archaischer Bilder in der Seele des modernen Menschen wirksam ist, und zwar meistens in Träumen, aber auch in Kunstwerken und sogar alltäglichen Handlungen. Bilder wirken wie Magie, man muß nichts über sie wissen, nur die Kraft spüren und sie wirken lassen. Die menschlichen Werke sind oft mit Bildern dekoriert, manchmal zu Ornamenten reduziert, aber sie sind trotzdem Bilder. Wir sind von Bildern umgeben, wir produzieren Bilder, und selbst die Industrie weiß, wie wichtig ein Bild ist, hier meist Logo genannt.

Als Therapeut war Jung an Bildern nicht als Verkaufsinstrument interessiert, sondern als heilende Kraft. Seiner Meinung nach produziert die Seele diese Bilder mit der Absicht, die Person auf ihr Ziel hinzulenken, nämlich die Individuation, wie er es nannte, eine Art von Ganzheit. Er behauptet, daß jede Person ein individuelles Ziel hat, das nicht vernachlässigt werden darf, soll die Person nicht krank werden. Damit ein Bild mächtig und wirksam ist, muß es ein bestimmtes Maß an Geheimnis in sich tragen.

C.G. Jung betont den Unterschied zwischen Zeichen und Symbol, zwei Begriffen, die von modernen Menschen oft verwechselt werden; sie meinen ein Zeichen, wenn sie von Symbol sprechen, zum Beispiel Computersymbolen. Ein Zeichen ist identisch mit dem, wofür es steht, zum Beispiel ein Verkehrszeichen. Ein Symbol hingegen kann niemals durch eine Erklärung erschöpft werden, zum Beispiel das christliche Symbol des Kreuzes.

Solch ein Symbol wirkt sogar, wenn man nichts darüber weiß - denken Sie an Christoph Kolumbus, der den Indianern das Kreuz entgegengehalten hat, bekannt aus einer Reihe von Gemälden, oder das Gemälde “Die Versuchung des heiligen Antonius” von Salvador Dali, das er für einen Hollywood-Wettbewerb gemalt hat. Antonius streckt das Kreuz den schrecklichen Kreaturen entgegen, die ihn bedrohen.

Künstler, bildende Künstler oder auch andere, Filme sind bereits ausdrücklich erwähnt worden, produzieren Bilder, die mit den Seelen der Verbraucher arbeiten. Wir brauchen diese Bilder so nötig, daß die Filmindustrie Millionen und Milliarden scheffeln kann, indem sie dieses Bedürfnis befriedigt. Um kommerziell erfolgreich zu sein, kann man allerdings nicht sehr tief gehen. Maler sollten hingegen tiefschürfende Bilder abliefern. Ihre Arbeit sollte Hunderte von Jahren überdauern.

Es gab und gibt natürlich Maler, die oberflächliche Arbeiten produzieren und damit große Reichtümer raffen. Auf lange Sicht werden allerdings nur solche Bilder überleben, die genug Tiefe haben, um nicht durch Aufsätze und Zeit erschöpft zu werden. Sie kennen Beispiele großer Meister wie Leonardos “Mona Lisa”. Viele Werke von Picasso sind von dieser Art, und nach mehr als einem halben Jahrhundert kann man beobachten, wie sich die breiten Massen der Kraft der rätselhaften Bilder Picassos öffnen. Ich habe Poster der irritierendsten Porträts in den Büros von Sekretärinnen gesehen.

Was meine Bilder betrifft, war ich immer zögerlich, sie zu interpretieren. Ich spürte die Kraft und scheute mich, unangemessene Worte darauf anzuwenden. Einmal sagte ich allerdings etwas, nämlich anläßlich der Eröffnung der Museumsausstellung 1983. Die Kraft und die Wirkung des Holzschnitts, über den ich damals sprach, hat allerdings ständig zugenommen, während die Gedanken, die ich in der Rede entwickelt hatte, mich heute nicht mehr besonders ansprechen.

Na ja, wenn man es in Worten sagen könnte, müßte man es nicht malen. Worte können allerdings die Augen öffnen. Ich hoffe, ich hatte damit ein wenig Erfolg.





Siehe auch den neuen Scan  623