Ursprünglich erschienen 1998 als » Weekly Work Nr. 37


 Weekly Work Nr. 37: 291, brennende Kerze · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Sie wissen ja, meine Muttersprache ist Deutsch (in aller Bescheidenheit). Letzte Woche stellte ich einige Fragen, aber es gab so gut wie keine Antworten. Na ja, damit kann ich leben - weiter im Text.

In dieser Woche habe ich Nr.  291 ausgewählt, ein großes Gemälde, das ich gern und oft an verschiedenen Wänden in meinem Büro und zu Hause aufgehängt habe. Als ich meine erste Ausstellung im Leopold Hoesch-Museum Düren hatte, nahm ich Kontakt zum Radiojournalisten Friedrich Riehl auf, der auch Fotograf ist. Er machte ein improvisiertes Interview mit mir ohne Probe, das genau so gesendet wurde, ohne Wiederholung oder Korrektur.

Bei dieser Gelegenheit fotografierte er mich in meinem Atelier. Dieses Foto ist ein Dokument. Sie können erkennen, wie ich es mache. Es gibt keine vorläufigen oder begleitenden Skizzen. Es gibt keine Idee in meinem Kopf. Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas Bestimmtes zu tun. Ich bin offen, um die Dinge kommen zu lassen, wann immer sie kommen, woher immer sie kommen und was immer sie bedeuten mögen.

Die meisten Menschen können nicht glauben, daß man so arbeiten kann: Die Leere der Leinwand spontan füllen. Meine Erfahrung ist: Wenn man es auf irgend eine andere Weise macht, wenn man sich nicht traut, ohne Rettungsring ins tiefe Wasser zu springen, ohne das volle Risiko auf sich zu nehmen, kann man es gleich vergessen. Sie dürfen das nicht mit Beliebigkeit verwechseln. Was sich manifestiert, ist präzise und klar und höchst bedeutsam. Es gibt nichts Schwammiges oder Nebulöses. Überzeugen Sie sich selbst!


 No. 291 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

 No. 292 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 

  Künstler im Atelier mit Nr. 291 und Nr. 292 · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
 
Das Foto zeigt deutlich, daß ich mit verdünnter Farbe und Pinsel, meist schwarz, manchmal rot oder blau, ohne Vorbereitung auf die weiße Leinwand male. Alle drei Hauptfiguren von Nr.  292 (rechts) sind bereits da. Nr.  291, das eher begonnen wurde (niedrigere Nummer), ist im selben Zustand, aber man kann die Figuren wegen der dünnen Farbe und der groben Wiedergabe kaum erkennen.

Jeder Strich ist endgültig, ich kann nichts zurücknehmen. Dünne Striche signalisieren Kleinmut: Wenn ich sie übermalen muß, stehen die Chancen nicht schlecht, daß man sie trotzdem im Endzustand sehen kann, da ich normalerweise dünn male. Man kann mit Ölfarben auch dick malen, aber das ist eine völlig andere Qualität. Wenn man dünn malt, schimmert der weiße Untergrund durch und produziert einen leuchtenden und frischen Gesamteindruck.

Einmal habe ich versucht, die Geschehnisse während der Entwicklung eines Gemäldes festzuhalten. Es war eine Katastrophe. Ich mußte immer wieder auswischen, was ich gemacht hatte, die Leinwand wurde schmutzig, wurde wieder frisch gemacht, aber das half nicht viel, man kann es immer sehen. Ich habe über diese Erfahrung eine Rede gehalten (Über die Beobachtung des schöpferischen Prozesses). Dieses Vorgehen ist für mich überhaupt nicht repräsentativ, aber interessant als Erlebnis, weil ich dadurch den Zuhörern einen Eindruck davon geben konnte, was es bedeutet, ein Maler zu sein und ein Bild zu erfinden.

Stellen Sie sich vor! Niemand verhält sich so im täglichen Leben! Wir denken voraus und ergreifen Vorsichtsmaßnahmen und versuchen, aus der Erfahrung zu lernen und proben und versuchen sicherzugehen, daß wir auch wieder zurückkönnen, wenn etwas schief geht - sogar darstellende Künstler geben sich Mühe, das Risiko zu minimieren. Wenn Sie über Moderne Kunst lesen, werden Sie höchstwahrscheinlich finden, daß der Autor argumentiert, der Künstler hätte sich unglaublich viel Gedanken gemacht, um sein Werk zu produzieren. Der Autor wird versuchen, diese intellektuelle Anstrengung zu rekonstruieren, damit das Kunstwerk leichter verdaut werden kann. Trotzdem sind die Chancen nicht schlecht, daß Sie es unverdaulich finden.

Zweifellos gibt es Kunst, die so konstruiert worden ist. Sie werden es selber herausfinden, ob man sich damit beschäftigen soll. Kunst, die nicht von der linken Gehirnhälfte konstruiert worden ist, ist für linksseitige Gelehrte unverständlich. Sie wissen einfach nichts damit anzufangen. Sie wissen nichts über Kreativität. Sie denken, daß das so etwas ist, was Computer tun. Sie haben Angst vor dem Unbekannten. Sehr wenige Leute bemerken, daß dies für die Kreativität tödlich ist. Miles Davis wußte das. Er setzte Techniken ein, um die künstlerische Sterilität zu überwinden.

Einmal sagte er seiner Gruppe: “Ich bezahle euch, damit ihr auf der Bühne übt.” Wenn Sie sich seine späteren Bühnenauftritte anhören, werden Sie bemerken, daß er immer mit enormem Druck und Tempo anfängt und längere Zeit auf diesem hohen Energieniveau bleibt, bis jeder im Auditorium und auf der Bühne mitgerissen und von der linken auf die rechte Gehirnhälfte gewechselt ist, und sobald er sich dieses Zustandes sicher ist, läßt er nach und kommt herunter und schaltet plötzlich um auf eine leichte, angenehme, schöne, langsame Melodie, um mitzuschwimmen und sich gehen zu lassen und einfach zu genießen. An dieser Stelle beginnt das Konzert.

In » Creative Journal 1.5 schrieb ich über das Buch “Garantiert zeichnen lernen. Das Geheimnis der rechten Hirn-Hemisphäre und die Befreiung unserer schöpferischen Gestaltungskräfte.” von Betty Edwards. Es geht dabei nicht um Kunst, sondern in aller Ausführlichkeit um Techniken, von der linken auf die rechte Gehirnhälfte zu wechseln. Meine Gemälde entwickeln sich, wenn ich auf der rechten Seite bin. So sollte es eigentlich immer sein. Die meisten Maler aller Zeiten haben es so erlebt.

Natürlich wußte ich das nicht. Wenn Sie sich eine Weile umschauen, finden Sie eine Menge Aussagen von Künstlern aller Art, die von demselben Gefühl berichten, ein Werkzeug zu sein, durch das Kunst ins Leben eintritt. Sie lernen so etwas nicht in der Schule. Tatsächlich weiß man nur ganz wenig darüber. Ich behaupte, daß es sich um eine Methode der Erkenntnisgewinnung handelt.

Was immer ich aus eigener Vollkommenheit produziert habe, hat mich nicht wirklich befriedigt. Als ich mein erstes Gemälde fertigte, ohne irgend etwas zu wollen, entstand das erste Bild, mit dem ich zufrieden war. Es ist eine Art religiöses Gefühl. Man erreicht etwas, aber man hat es nicht selbst geschaffen, es ist durch einen geschaffen worden, durch etwas, das größer ist als man selbst, der man nur Mittel war, nicht Schöpfer.

Schauen Sie sich das Gemälde noch einmal an. Sie können die Kraft und Stärke sehen. Sie sehen, daß dieses Gemälde voller Bedeutung ist. Wenn es an Ihrer Wand hängt, werden Sie die Wirkung spüren, ohne sich bewußt damit auseinanderzusetzen. Dieses Gemälde wird über die Jahre hinweg an Aussagekraft zunehmen. Es wird sich nicht abnutzen. Wenn jemand Ihr Heim besucht, mag er den Schatz an der Wand nicht bemerken. Nichts könnte Sie weniger interessieren. Wenn Ihr Haus brennt, sorgen Sie dafür, daß dieses Bild als erstes gerettet wird. Es ist einzigartig und kann nicht wiederholt werden. Ich wäre nicht in der Lage, ein solches Bild zu erfinden.