Ausschnitt aus No. › 223 (Privatbesitz) · © Copyright Werner Popken. <br><br>Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ausschnitt aus No.  223 (Privatbesitz)

”Die Malerei ist stärker als ich” soll » Pablo Picasso im Alter gesagt haben. Damit meinte er wohl, daß er nicht in der Lage sei, ein Bild zu kontrollieren, es werde immer etwas anderes daraus, als er vorgehabt habe.

Bei einem Virtuosen wie Picasso muß das schon verwundern, aber noch verwunderlicher ist es, daß er diese Aussage überhaupt gemacht hat.

Sie unterstreicht, was man ohnehin schon durch den Bericht von » Françoise Gilot wußte: Daß Picasso versuchte, Inspiration durch Konstruktion zu ersetzen. Mit anderen Worten: Es fiel ihm zuweilen nichts ein.

Für manche Leute ist das vermutlich der Normalzustand, aber Picasso hatte Phasen, wo er Unerhörtes entwickelte und erfand. Und dann wieder längere Zeiten, in denen er verzweifelt um Themen rang. Man stelle sich vor: Er beneidete » Vincent van Gogh um die Erfindung neuer Bildinhalte, etwa eines Stuhls oder alter Stiefel, während ihm nur Madonnen oder Even einfielen. Dabei ist doch van Gogh der Prototyp des Künstlers, dem nun rein gar nichts einfällt, der immer irgend etwas vor Augen haben muß und das dann abmalt, und wenn es die Werke seines bewunderten Kollegen » Jean-François Millet sind.

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Picasso versuchte es dann mit billigen Tricks, wie er stolz der jungen Gilot dozierte. Kleiner Kopf auf riesigem Körper oder umgekehrt, eine Hand groß, die andere klein und was dergleichen Spielereien mehr sind. Das altbekannte Thema des Memento Mori, “bedenke, daß du sterben mußt”, üblicherweise durch einen Totenkopf, eine erloschene Kerze, Schenkelknochen und ähnlicher naheliegender Symbole dargestellt, wandelte er ab, indem er statt der Knochen Lauch nahm.

Na und? Seine Geliebte nahm es für eine Offenbarung, er selbst merkte nichts.

Selbstverständlich wandte er auch den bekannten Trick in großem Stil an, Bilder anderer Maler zu kopieren und abzuwandeln. Aber das ist es alles nicht. Er hat es gewußt und war entsprechend unzufrieden mit sich und seiner Arbeit. Und dann passierte immer wieder einmal etwas, was er nicht wollte und nicht vorhergesehen hatte und was ihn überraschte. “Die Malerei ist stärker als ich”. Dabei ging es doch die ganze Zeit nur darum. Was einer im Kopf hat, ist nicht so bedeutend, und eigentlich wußte er das auch. Er soll nämlich auch gesagt haben, daß er nicht malen wolle, was er bereits kenne, denn er wolle sich ja nicht in die Tasche lügen.

Er hätte sich wirklich anheimgeben und “die Malerei” machen lassen sollen. Auf Entdeckungsfahrt gehen, annehmen, was ihm begegnet. Aber bei all den grandiosen Wiederholungen und leichten Abwandlungen kann er sich nicht wirklich eingelassen haben. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, daß er sich ständig im Kreise drehte und eben nicht offen war.

Das ist natürlich auch schwer. Die Surrealisten haben es versucht und die “automatische Malerei” zu einer Methode erhoben, aber das ist sehr schnell in sich zusammengefallen. Die unwillkürliche Produktion steht in natürlichem Gegensatz zum künstlerischen Gestaltungszwang. Im Gegensatz zu einem Schimpansen, der den Pinsel schwingt, möchte man bei einem Künstler doch einen gestalterischen Willen voraussetzen, beansprucht der Künstler das auch für sich: Er entscheidet, wann das Werk gültig und fertig ist.

Und hier haben wir das Problem: Wollen kann ich nur etwas, was ich bereits weiß und kenne. Wenn ich das aber ablehne, was kann ich dann noch tun? Oder anders gesagt: Wie ist es überhaupt möglich, daß etwas Bedeutendes zum Vorschein kommt, was noch nicht vorher bekannt war? Denn zweifellos hat Picasso mit vielen Werken, zum Beispiel » Guernica, etwas Tiefes, noch nie Dagewesenes geschaffen, selbst wenn es wie in diesem Falle nahtlos aus seinem vorherigen Schaffen hervorgegangen ist, wie ich in meinem Aufsatz » Studie zu Guerníca zeigen konnte.

Damit bin ich wieder bei der Frage: Wer malt das Bild? Wenn ich etwas male, was ich kenne, dann ist das im Grunde nicht Malerei, sondern Illustration. Malerei muß also zu einem gewissen Grad nicht nur Meisterschaft in der Beherrschung der Mittel verraten, sondern auch Schöpfung sein, so wie der Wissenschaftler erst dann als initiiert gelten kann, wenn er wissenschaftliches Neuland betreten hat und mit neuen Erkenntnissen beladen wieder heimgekommen ist. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit bildnerischem Material kann in dieser Hinsicht nie befriedigen, egal wie ironisch oder virtuos sie vorgetragen wird. Den existenziellen Schauder, den wir bei großer Kunst erleben, wird man mit solchen Mitteln niemals erzeugen können.

Wenn Kunst gelingt, greift der Künstler auf diese Weise über sich selbst hinaus. Er schafft etwas, das er selbst nicht begreifen kann. Damit ergibt sich der Eindruck, etwas Übergeordnetes drücke sich durch ihn aus, bediene sich seiner. Der Jazzpianist » Keith Jarrett empfand das während seiner langen Soloimprovisationen sehr stark; in der modernen Kunst findet sich allerdings recht wenig dergleichen, obgleich der Künstler das Genialische vehement für sich beansprucht. Der moderne Künstler ist üblicherweise reflektiert, distanziert, intellektuell, er konstruiert mehr als daß er schöpft, er illustriert seine Gedanken. Und da das Publikum durch diese Werke nicht ergriffen wird, versucht es diese zu “verstehen”, um wenigstens ein intellektuelles Erlebnis heimzutragen. Für die Kunsthistoriker und -vermittler, die selber Denkwesen sind, denen das Schöpferische in aller Regel abgeht, ein erfreulicher Zustand.

Aber was können wir schon denken? Die wirklich großen Gedanken stoßen dem Denker ebenso zu wie dem Träumer der Traum oder dem Maler das Bild. Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich die ersten psychologischen Gesellschaften in London und Paris. Der seinerzeit berühmteste Mathematiker Frankreichs, » Henri Poincaré, wurde gebeten, vor der Pariser Gesellschaft über das Denken vorzutragen. Man stellte sich vor, daß er als Mathematiker am ehesten in der Lage sein müsse, darüber Auskunft zu geben. Desto größer die Überraschung, eine detaillierte Schilderung einer Eingebung zu bekommen, die ein Problem löste, mit dem er sich lange vergeblich beschäftigt hatte. Woher kam diese Eingebung?

So zugespitzt, erscheint das Phänomen ungewöhnlich, aber in Wirklichkeit geben wir uns einer großen Illusion hin, wenn wir annehmen, wir seien Herr unserer selbst und würden uns ständig aktiv und bewußt ausdrücken. Schon bei einem ganz normalen Gespräch fließen die Gedanken schneller als der Sprecher kontrollieren kann, überstürzen sich die Einfälle, ohne daß wir behaupten könnten, “wir” würden da irgend etwas steuern.

Dieses Rätsel fordert uns natürlich heraus, wir wollen verstehen, was da vor sich geht. Als ich das Bild gemalt habe, aus dem der Ausschnitt oben stammt, habe ich eine Menge Zustandsfotos angefertigt. Auf diese Weise glaubte ich, dem schöpferischen Prozeß auf die Schliche kommen zu können. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, daß das gar nicht geht. Aber es mußte mir erst eine der Figuren, die ich gern gemalt hätte, im Traum erscheinen und mich aufklären. Unglaublich. So etwas kann man sich nicht ausdenken.