Wed 15 Aug 2007
Berühmt sind die Thesen des Gestaltpsychologen » Rudolf Arnheim, der in seiner Untersuchung des Entstehungsprozesses von » Guernica meinte herausfinden zu können, wie Kreativität sich vollzieht. Glücklicherweise fertigte » Picasso viele Studien an, seine Freundin » Dora Maar hielt einzelne Phasen fotografisch fest. Hat Arnheim etwas über die Kreativität herausgefunden? Ich hatte nicht den Eindruck. Er ließ sich durch Picassos Arbeitsweise inspirieren und meinte, dieser habe die Lösung durch Versuch und Irrtum gefunden, durch systematisches Testen von Bildideen, durch provozierende Überschreitungen des Gewohnten. Die Unersuchung entstand Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts und wird immer wieder neu aufgelegt, seither sind fast fünfzig Jahre vergangen. Die Kreativitätsforschung tappt immer noch im Dunkeln.
Picasso selber hegte die Vorstellung, daß man der Kreativität eines Tages auf die Schliche kommen werde. Deshalb begann er in den dreißiger Jahren, alles genau zu datieren. Wenn er mehrere Arbeiten am selben Tag vollendete, setzte er römische Ziffern hinzu. Das gefiel mir sehr gut, und deshalb habe ich dieses System Anfang der siebziger Jahre übernommen. Als ich Anfang der 80er ein Werkverzeichnis anlegte, half mir diese Datierung sehr. Interessanterweise stellte sich heraus, daß mein Gedächtnis mich im Stich gelassen hatte. Die Entwicklung vollzog sich viel sprunghafter, als ich das in Erinnerung hatte.
Natürlich mußte ich ebenfalls in die Falle laufen, der Kreativität auf die Schliche kommen zu wollen. Das war eine sehr schmerzhafte Erfahrung, und merkwürdigerweise war es ein Traum, der mir die Augen öffnete. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Die heutige Kreativitätsforschung geht, wenn ich das richtig sehe, davon aus, daß das Gehirn eine Art Maschine ist, in der alle möglichen Gefühle und Erlebnisse und Erkenntnisse und Eindrücke abgelegt sind. Kreativität entsteht demnach dann, wenn aus diesen Rohmaterialien durch ungewöhnliche Assoziationen neue Zusammenhänge entstehen. Daher leiten sich aus dieser Vorstellung entsprechende Techniken ab, etwa » Brainstorming. Merkwürdig nur, daß so wenig Kreatives dabei entsteht. Wenn die Forscher genauer hinschauen würden, kämen sie nicht auf die Idee, so etwas Primitives zu verkünden. Es gibt genug Zeugnisse auch von Wissenschaftlern, die belegen, daß Kreativität eben gerade nicht so entsteht, sondern vielmehr von irgendwo anders her, ganz plötzlich, dem angeblich Kreativen als etwas Fremdes gegenübertritt.
Die Skizzen Picassos tragen das ihre dazu bei, diese Vorstellung zu untermauern. Denn ganz offensichtlich hat Picasso immer wieder versucht, sich selbst zu überraschen, indem er ganz bewußt neue Wege gegangen ist. Das kann man zum Beispiel an den Skizzen zu Guernica sehen, wenn er etwa ein zusammenbrechendes Pferd naturalistisch zeichnet und im nächsten Augenblick eine primitive Gerüstskizze eines Pferdes hinlegt, die eines Vierjährigen würdig wäre. Oder er zeichnet ein ganzes Blatt voller Augen, wobei er ständig kleine Variationen vornimmt, in der Hoffnung, auf diese Weise eine perfekte Form zu finden. Klappt natürlich nicht, es bleiben banale Fingerübungen, beeindruckend, weil sie zeigen, daß auch ein Genie arbeitet, aber nicht, weil sie die Kreativität zum Vorschein bringen, im Gegenteil. Sie zeigen, daß man auf diese Weise eben gerade nicht kreativ wird.
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