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Der „Mond-Altar“ heißt Altar, weil er formal wie ein Altar gebaut ist und auf drei seiner vier Schauseiten ein Mondgesicht zeigt. Die einzige Schauseite, die kein Mondgesicht zeigt, ist die erste, kleinste, die nur aus zwei Flügeln besteht. Da der Mond vier Phasen hat und in seiner vierten Phase nicht sichtbar ist, würde diese dem neuen Mond entsprechen, der nicht sichtbaren Phase.

So gesehen könnte der Altar als eine Konstruktion erscheinen, als eine Illustration oder eine Analogie. Tatsächlich aber war die Geschichte genau andersherum, die Entwicklung der Schauseiten, die mechanische Konstruktion, legte eine Abfolge von vier Schauseiten mit zwei-vier-sechs-vier gleichbreiten Tafeln nahe, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was man daraus hätte machen sollen.

Obwohl ich als Mathematiker doch eigentlich über genügend räumliches Vorstellungsvermögen verfügen müsste, habe ich nach wie vor große Schwierigkeiten, mir die Mechanik vorzustellen. Statt eines Papiermodells habe ich jetzt zu einer Excel-Tabelle greifen müssen. Mit Hilfe von Farben und Mustern und dicken und dünnen Linien und roten Punkten für die Scharniere ist es mir gelungen, eine Draufsicht der vier verschiedenen Zustände zu produzieren, die erahnen lässt, wie der Mechanismus funktioniert.

Allerdings ist mir unklar, wie die beiden einzelnen Tafeln 584 und 589 dazwischengefaltet werden. Im Schema wird dort ein Doppelscharnier verwendet, so möchte ich es nennen, aber dieses muss sich beim Ausfalten zusammenlegen, damit der Rhythmus nicht gestört wird. Wenn ich das nächste Mal ins Lager komme und daran denke, muss ich mir die Sache mal anschauen.

Schematische Ansicht von oben in geschlossenem Zustand, also der ersten Schauseite. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Schematische Ansicht von oben in geschlossenem Zustand, also der ersten Schauseite.

Die beiden mittleren Tafeln der letzten Schauseite sind zusammengelegt, so dass in der letzten Schauseite der Eindruck eines klassischen Triptychon entsteht und sich statt der 16 Tafeln nun 15 ergeben.

Schematische Ansicht von oben, zweite Schauseite. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Schematische Ansicht von oben, zweite Schauseite.

Man sieht hier schön an den äußeren Flügeln, dass jeweils zwei Tafeln mit der Rückseite zusammengefasst sind. Die äußeren Flügeln der dritten Schauseite sind davon ausgenommen und zur besseren Veranschaulichung gemustert.

Schematische Ansicht von oben, dritte Schauseite. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Schematische Ansicht von oben, dritte Schauseite.

Die doppelt montierten Tafeln sind in diesen Schemazeichnungen durch einen starken Rahmen zusammengefasst, dessen dünne Mittellinie die beiden Rückseiten kennzeichnen soll.

Schematische Ansicht von oben, vierte Schauseite. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Schematische Ansicht von oben, vierte Schauseite.

Die vier Schauseiten mit Dimensionsfigur. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Die vier Schauseiten mit Dimensionsfigur.

Mein Büro 1987, Schauseite 3 und mein erstes Triptychon » Nr. 572-4
Ehemalige Volksbank, Neon an der Decke, Teppichboden an der Säule, 
Monitor grün/schwarz, Schwingsessel, Kniestuhl, Oki Laserdrucker · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Mein Büro 1987, Schauseite 3 und mein erstes Triptychon » Nr. 572-4
Ehemalige Volksbank, Neon an der Decke, Teppichboden an der Säule,
Monitor grün/schwarz, Schwingsessel, Kniestuhl, Oki Laserdrucker


Das Ganze muss dann ja auch noch irgendwie gehalten werden. Die Konstruktion ist natürlich extrem schwer und muss trotz der unterschiedlichen Gewichtsverteilung sicher stehen. Dafür habe ich zum einen eine Wandbefestigung vorgesehen, die aber noch nie benutzt worden ist; außerdem ein Gestell mit Rollen, das sich sehr bewährt hat. So kann man das Ungetüm leicht bewegen.

Die Schauseiten werden von Klammern gehalten, die ich aus dem Draht alter Kleiderbügel gebogen habe. Beim Wechsel der Seiten muss man eine Halterung lösen, die Flügel aufklappen und mit einer anderen fixieren - das ist vor allem bei der 3. Schauseite mit fast 4 m nötig.

Diese Vorstellung war überhaupt erst aus der Frage entstanden, wie denn wohl die in vielen Kirchen heute noch vorhandenen Wandelaltäre konstruiert worden sind, wie man so etwas überhaupt machen kann, wie viele Schauseiten eine solche Konstruktion aus rein mechanischen Gründen haben müsste.

Da hatte ich mir noch gar nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen und zu welchen Anlässen man überhaupt ein solches Kunstwerk wandeln sollte. Schon die Vorstellung, irgendetwas vierteilig machen zu sollen, kam mir abstrus vor, und in einem Telefonat scherzte ich, dass mir zur Zahl 4 nur die vier Jahreszeiten oder die vier Mondphasen einfallen.

Das wiederum ließ einen Groschen fallen, denn ich hatte bereits seit geraumer Zeit, ohne zu wissen warum, Mondgesichter produziert. Und so wollte ich mich denn auf das Abenteuer einlassen und unterwarf mich sogar der Bedingung, jede Schauseite in der dazugehörigen Mondphase malen zu wollen (was einfach nur dumm war).

Unter  Start kann man eine Show abrufen, die die Progression der Schauseiten simuliert.

Die Darstellung im Internet ist etwas problematisch; natürlich möchte man die Abbildung möglichst groß haben, zugleich aber auch denselben Maßstab bei allen vier Schauseiten anwenden. Die Slideshow ist nicht optimal und ziemlich primitiv gebaut - vielleicht lasse ich mir noch mal was besseres einfallen. Hier jetzt die einzelnen Schautafeln in derselben Proportion:


Begonnen hatte die ganze Geschichte durch einen Zufall. Ich hatte meine Assistentin den Begriff Triptychon erläutern müssen. Dabei wurde mir klar, dass ich selber nur sehr ungefähre Vorstellungen von einem solchen Werk hatte. Insbesondere konnte ich mir nicht vorstellen, selber einmal ein Triptychon zu malen, obwohl ich natürlich genügend viele kannte und mich insbesondere mit den Triptychen Max Beckmanns intensiv auseinandergesetzt hatte.

So ergab es sich, dass ich die ersten beiden meiner drei Triptychen malte, aber diese waren wie alle modernen Triptychen eigentlich keine solchen, denn diese wurden im Ritus eingesetzt und zu bestimmten Anlässen wurden die Schauseiten gewechselt. Moderne Triptychen hatten gar keine zweite Schauseite, von weiteren ganz zu schweigen.

Ich versuchte mir also vorzustellen, wie ein solcher Seitenwechsel auszusehen hätte und entwickelte ein kleines Modell aus Papierstreifen. In den Anmerkungen zum Werkkatalog schreibe ich dazu:

[...] Der Mond hat vier Phasen, und ich hatte den Mond inzwischen öfters als Mondgesicht gemalt. War das nicht ein Bezug? Mehr noch, die feministische Forschung hatte die These aufgestellt, dass die frühen Gesellschaften nicht nur mutterrechtlich organisiert, sondern dass die Gottheiten auch ausnahmslos weiblich waren, die männlichen Götter lediglich Buhlknaben (» Heide Göttner-Abendroth: » Die Göttin und ihr Heros).

Selbstverständlich gehörte die Vorstellung von der Wiedergeburt zum religiösen Grundbestand, und wegen der auffälligen 28-Tage-Rhythmik gehörten Mond und Frau und Göttin zusammen. Der Mond wurde nun ständig neu geboren, wuchs, nahm ab, starb, verschwand für drei Tage in der Unterwelt und erstand zuverlässig wieder neu. Er war das vollkommene Symbol für die ewige Wiederkehr. So kam die Schlange ins Bild, die diese ewige Wiederkehr, das 'Stirb und Werde', als Lebewesen zelebrierte, durch die Häutung nämlich. Daher die kretische Priesterin mit den Schlangen - diese waren die heiligen Tiere des Kultes. Und eine Göttin mit einer Schlange hatte ich ja schon längst gemalt! Die Schlange im Alten Testament, so hatte ich aus der Dissertation einer evangelischen Theologin gelernt, war nichts anderes als die Göttin, die den Rachegott Jahwe vorausging und unterlegen war. Entsprechend mussten die biblischen Erzählungen als parteiische Kriegsberichterstattung gelesen werden (» Christa Mulack: » Die Weiblichkeit Gottes). [...]

Diese Ideen lagen damals in der Luft und haben sich inzwischen als weitgehend ideologisch bedingt herausgestellt. Natürlich ist dieses Werk ohnehin keine Illustration. Nur wenige haben es bisher gesehen, und ein Kunsthistoriker, der sich die Mühe gemacht hat, zwei Stunden lang die verschiedenen Schauseiten zu studieren und auf sich wirken zu lassen, resignierte. All sein Wissen über » Ikonographie half ihm nicht weiter, lieferte keinen Schlüssel zum Verständnis. Die Zusammenstellung der Tafeln und die Abfolge der Schauseiten wirkten dennoch vollkommen überzeugend auf ihn. »Da müsste mal einer drüber promovieren« war sein Resümee.


 
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