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 No. 629 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Ein Heldenmythos
Bielefeld, 20.2.1986, Galerie Hergeröder




Sehr geehrte Damen und Herren,

die Ausstellung trägt den Titel „Ein Heldenmythos", und ich denke, ich sollte einige Worte dazu sagen. Wahrscheinlich haben Sie mir den Titel einfach als typischen Fall von Künstlermystifizierung nachgesehen. Bei Kunstwerken gehören hohe und hehre Titel ja fast zum guten Ton; kaum einer wird nachfragen, ob so ein Titel auch viel besagt.

Hier liegt der Fall aber anders. Sie haben ja sicher schon festgestellt, daß ich meinen Werken generell keine Titel gebe. Ich neige auch sonst nicht zur Mystifizierung. Es gibt, denke ich, genug Mysterium in der Welt, so daß es sträflich wäre, dem auch noch mutwillig Erfundenes hinzuzufügen. Ich sehe es vielmehr als Aufgabe an, mit allen Kräften des Geistes an der Erhellung des einen Mysteriums zu arbeiten, das mir als Malerei entgegentritt.

Na, das wird ja immer doller, werden Sie sagen, jetzt ist schon die Malerei als solche ein Mysterium. Für die Mehrzahl meiner Kollegen trifft diese Aussage natürlich nicht zu, und ich will sie keineswegs dafür schelten. Aber wenn Sie sich umschauen in der Kunstgeschichte, werden Sie feststellen, daß diese Bezeichnung in vielen Fällen nicht schlecht gewählt ist.

Was ist denn nun die Malerei?

Zunächst einmal ein Kanon an Techniken, Formen und Farben, der überliefert ist und weitervermittelt wird an speziell dafür eingerichteten Institutionen, den Akademien. Mit der Traditionspflege ist es aber nicht getan, denn die Kunst fängt da erst an, wo die Lehrinhalte aufhören. Nun muß man sich natürlich bemühen, auch da zu sprechen, wo es um Unsagbares geht. Sprache kann in diesem Sinn ein Hilfsmittel sein, zum eigentlichen Kunsterleben hinzuführen, das ja ein wesentlich durch die Augen vermitteltes ist.

Was aber ist die Kunst?

Das Wort kommt aus der Sprachwurzel „Künden", und so möchte ich behaupten: Kunst kündet von Wahrheiten menschlicher Existenz, die sich nur in dieser Form offenbaren (sie lassen sich also auch nicht in Sprache übersetzen). Das Offenbarwerden dieser Wahrheiten im Bild nenne ich ein Mysterium, weil es sich um einen schöpferischen Vorgang handelt, der sich der bewußten Kontrolle und Steuerung entzieht, sich also nicht willkürlich beeinflussen läßt.

Um welche Wahrheiten handelt es sich nun in meinem Fall? Nach über 10 Jahren de Schaffens und Nachdenkens glaube ich ein wenig von der Sache verstanden zu haben. Mit der Titelwahl wollte ich einen Hinweis darauf geben: Ein Heldenmythos.

Auf vielen, wenn nicht allen Bildern erscheint eine Figur, die herausgestellt und anders ist als die anderen: die nenne ich den Helden oder die Heldin. Diese Figur hat nichts Strahlendes an sich, ist kein Identifikationsobjekt für unerfüllte Träume, eher ein Mensch wie Jedermann, ängstlich, zweifelnd, hoffend, mittendrin in einer unbestimmten Problematik, sozusagen der Lebensproblematik an sich.

Umgeben ist der Held oft von weiteren Figuren, die weiser und mächtiger zu sein scheinen, wenn sie auch vielleicht nicht von dieser Welt sind, sowie von allerlei mythologischem Getier. Begleitfiguren und Getier tragen oft vordergründig gräßliche Züge, wirken jedoch bei näherem Hinsehen ganz wohlwollend. Der Held scheint sich des Beistands nicht bewußt zu sein, wirkt ganz auf sich gestellt.

Bekanntermaßen haben Helden diverse Kämpfe mit finsteren Gestalten und gräßlichen Ungeheuern auszufechten, die sie auch siegreich bestehen, wohl schon weil sie den Gegnern unerschrocken ins Auge sehen. Die Abenteuerfahrt des Helden ist eine Erkundungsfahrt seiner selbst, denn als er auszieht, ist er tumb und unerfahren, ein unreifes Früchtchen. Das Ziel der Reise ist der vollständige Mensch, der seine Schattenseiten erkundet und integriert hat. Der Held aber steht für jeden von uns. Jeder ist vollkommen einmalig, ein wundervoller Held in dieser Welt: Wir haben es nur vergessen.

Thomas Mann läßt in seinem großen Romanwerk „Joseph und seine Brüder" den biblischen Joseph sagen, jeder Mensch sei der Mittelpunkt der Welt, natürlicherweise, seiner eigenen Welt nämlich, und Joseph faßt sich selbst ganz bewußt als Held in einem unbekannten Stück auf, entschlossen, seine Rolle dem Autor zu Ehren (welcher Gott ist) in aller Demut so gut wie möglich zu spielen. Joseph tappt dabei keineswegs im Dunkeln, denn der Mythos gibt das Muster vor, er in seiner Person läßt ihn einmal mehr hier auf Erden lebendig werden, wie so viele vor ihm und nach ihm.

Wie unser Fingerabdruck uns identifiziert, weil er einmalig ist, so sind erst recht unsere Seele, unser Geist, unsere Person, unser Leben einmalig. Und doch sind wir alle Menschen und erfahren uns und die Welt in Mustern: Alles ist schon einmal dagewesen, nichts ist neu, meine ureigensten Erlebnisse und Empfindungen sind klassifizierbar.

Der Mythos und das Märchen, Romane, Gedichte, Musik, Tanz, Bilder, Theater und Skulpturen stellen solche Muster dar, machen erfahrbar, was der Mensch ist und was er sein kann. Die Einlassung auf Kunst wirkt nach, bewirkt eine Veränderung, eine Hinwendung zum Wunder des Einzelmenschen, des Individuums in seiner Einmaligkeit und seiner einmaligen Lebensaufgabe.

Kunst erweitert die Erfahrung seiner selbst, transformiert zu höherer Identität, zu dem, was der Einzelne ist und was er werden soll. „Erkenne dich selbst" heißt die Maxime, und „Werde, der du bist".

Der Heldenmythos, der sich im Mysterium der Malerei offenbart, ist eine Botschaft an unsere Zeit. Kunst und Leben sind untrennbar verbunden. Die Kunst sagt etwas über das Leben aus, und das Leben bestimmt die Kunst. Das Leben aber ist der Weg des Helden, wie immer er heißen möge.


 
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