Home   Fotos   Galerie   Manifest   Credo   Texte   Blog   Bücher   Altar      English


 No. 240 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Meine Malerei und die 80er Jahre
Artikel für das französisch-amerikanische Literaturjournal Frank, Paris, 24.11.1985




Mitte der 60er wollte ich Mathematiker werden. Ich tauchte ein in die Welt der Rationalität, der Abstraktion, der kalten Sprache der Symbole.

Anfang der 70er machte ich die Erfahrung, daß der schöpferische Prozeß auch in der Mathematik seine Geheimnisse hat, jenseits von Rationalität und Abstraktion.

Damals erfuhr ich auch von den Entdeckungen der Neurophysiologie über die unterschiedlichen Funktionen der Gehirnhälften, maß dem aber weiter keine Bedeutung bei. Gleichzeitig begann ich mich zum Künstler zu mausern, was mir außer dem Glücksgefühl, meine Bestimmung gefunden zu haben, gehörige Ängste einflößte; wegen der materiellen Unsicherheit habe ich dann bis Anfang der Achtziger auch teilweise als Lehrer gearbeitet.

In den 80ern begann ich zu verstehen, was ich mache und warum und was mich von meinen Kollegen unterscheidet. Vor allem einige Bücher der New-Age-Richtung sind mir dabei wichtig gewesen. Robert M. Pirsig* schreibt in „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance" viel über die Probleme unserer Zeit, über die Kluft zwischen Rationalität und Intuition, Wissenschaft und Kunst; ich kann viele meiner Erfahrungen darin wiederfinden, denn ich bin in beiden Welten zu Hause.

Sein zentrales Problem, die Qualität und ihre Bedeutung für unser Weltverständnis und unser tägliches Leben, hat mich sowohl als Mathematiker als auch als Künstler stark beschäftigt. Die Art, wie ich Qualität dabei erfahren habe, was sie mir bedeutet und was sie bewirkt, wurde durch sein Werk bestätigt, bewußt gemacht und in größeren Zusammenhang gestellt.

Pirsig stellt an einer wichtigen Stelle die Frage: „... how to paint a perfect painting?" und antwortet: „It’s easy. Make yourself perfect and then just paint naturally. That’s the way all the experts do it." Das war die Erfahrung, die mich zum Maler gewandelt hatte: Solange ich etwas Bestimmtes erreichen wollte, war ich unzufrieden - als ich schließlich lernte, die Bilder kommen zu lassen, war ich überwältigt von deren Wirkung, Bedeutung und Macht.

Die Bildinhalte blieben mir zunächst völlig rätselhaft. Erst Bücher aus der neueren Frauenbewegung, die sich von theologischer, archäologischer und mythologischer Seite mit der Großen Göttin beschäftigen, haben Licht auf einige Details geworfen und Zusammenhänge sichtbar gemacht. Die Frauenbewegung nun wird von Fritjof Capra (The Turning Point) als eine von vielen parallelen Strömungen beschrieben, deren Existenz Beleg und Ausdruck für eine Zeitenwende ist, die die gesamten Grundlagen unserer Welt wandelt: die New-Age-Vision, die Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger Konturen gewinnt. Diese These von der grundlegenden Wandlung scheint mir sehr überzeugend, weil mein eigenes Weltbild sich aufgrund vielfältiger Erfahrungen in dieser Zeit entsprechend gewandelt hat.

Ich glaube auch, daß meine Bilder in diesem Kontext am ehesten verstanden werden können. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen arbeite ich nicht analytisch, reflektierend, kommentierend, illustrierend, also mit den Mitteln der linken Gehirnhälfte, sondern rein aus der Intuition heraus. Analog dem Traumgeschehen formulieren sich Bilder, die hochbedeutsam sind, transformierend wirken, die Inhalte meines Bewußtseins jedoch bei weitem übersteigen.

Soviel scheint klar zu sein: es geht um die Entwicklung des Individuums, wie ja übrigens auch in Träumen. Pirsig (a.a.O.): „The real cycle your’re working on is a cycle called yourself. The machine that appears to be ‘out there’ and the person that appears to be ‘in here’ are not two separate things. They grow toward quality or fall away from quality together."

Malerei als Erkenntnismittel und Individuationsinstrument - das scheint mir den Möglichkeiten des Mediums gerecht zu werden und der Zeit zu entsprechen. Dabei fühle ich mich Kollegen wie Beckmann und Rembrandt sehr verwandt; sie haben sicher schon gewußt, was Pirsig so brillant beschreibt: „So the thing to do when working on a motorcycle, as in any other task, is to cultivate the peace of mind which does not separate one’s self from one’s surroundings. When that is done successfully then everything else follows naturally. Peace of mind produces right values, right values produce right thoughts. Right thoughts produce right actions and right actions produce work which will be a material reflection for others to see of the serenity at the center of it all."





* Robert M. Pirsig: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, Bantam 1974,
Deutsch: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, Fischer (Tb.)


 
Home   Fotos   Galerie   Manifest   Credo   Texte   Blog   Bücher   Altar      English   Top


Suche nach search

 

Der gewöhnliche Hansel auf seinem langen Weg zu Gott.
Signatures joe
Werner Stürenburg: Entwicklung seiner Signatur

server time used 0.0332 s