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 No. 519 · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Die Figur des Helden
Rede Bielefeld, Praxis Altenhein, 13.1.1985




Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich ganz herzlich bei Herrn Altenhein bedanken.

Er hat diese Ausstellung angeregt und darüber hinaus vorgeschlagen, die Auswahl so vorzunehmen, daß die gezeigten Arbeiten in einem thematischen Zusammenhang stehen.

Diese Idee habe ich gern aufgegriffen. Die Bilder aus neuerer Zeit kreisen unübersehbar um eine Thematik, die in älteren Arbeiten bereits anklingen. Im Folgenden werde ich diesen Zusammenhang verdeutlichen.

Alle ausgewählten Arbeiten zeigen eine zentrale Figur, die ich scherzhaft als Held oder Siegfried bezeichnet habe. Im landläufigen Sinn hat diese Figur allerdings selten Heldenhaftes an sich und ist des öfteren auch weiblich.

Diese Heldenfigur ist oft in einem Spannungsfeld gezeigt, das im Heldenmythos ausgedeutet wird: Der tumbe Held ist sich seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten kaum bewußt, besteht eine lange Reihe von Abenteuern, u.a. auch eine Begegnung mit dem Tod, bis er am Ende ganz Mensch wird.

Die Heldengeschichte also als Allegorie auf die Entwicklungsgeschichte eines jeden Menschen, als Abenteuerfahrt einer Seele auf dem Weg zur Vollendung. Der moderne Ausdruck dafür lautet Selbstverwirklichung, und dies scheint es auch zu sein, was die Menschheit an der Kunst interessiert: Daß sich ein Künstler als Mensch ganz hingibt, reift, entwickelt, und die Kunst ihm Mittel ist für dieses Werden, Entwickeln, Verwandeln, dessen Held der Künstler nicht mehr und nicht weniger ist als jeder andere Mensch auch.

Nun ist wohl kaum jemals ein Bild aus solchen Erwägungen gekauft worden. Ein Kunstkäufer ist meistens Liebhaber, er schätzt das Werk einfach, er mag es, er fühlt sich zutiefst angesprochen, es ist eben eine reine Gefühlsangelegenheit.

Ebensowenig führen tiefsinnige Erwägungen zu einem Kunstwerk - ein Künstler malt einfach drauflos, weil er will oder muß, das Bild wird so und nicht anders, weil er gar keine Wahl hat: So muß es sein.

Das klingt sehr simpel und lapidar und scheint dem vorher Gesagten zu widersprechen. Es ist aber eher dessen Bestätigung, denn große Kunst wirkt vor allen Worten ganz unmittelbar; der Künstler arbeitet, um ein Werk zu schaffen, bei dem sein Gefühl zur Ruhe kommt, in dem er sich wiederfindet.

Das Rätselhafte, Notwendige, Fremde des Schaffens hat seit jeher die Menschen verwundert - in früheren Zeiten meinte man, Göttliches wirken zu sehen.

Es ist oft vergeblich versucht worden, den Schöpfungsakt mit wissenschaftlichen Methoden zu ergründen. Heute sind Wissenschaft und Technik selbst zur Diskussion gestellt, die Grenzen ihrer Möglichkeiten sind deutlicher denn je. Zugleich zeichnet sich in ersten Umrissen ein neues Weltbild ab, das auch das Verständnis von Kunst verändern wird.

Meine Erfahrung läßt mich Kunst begreifen als eine Erkenntnismethode, die es ermöglicht, wesentlicher Erfahrungen und Ergebnisse zu gewinnen, die nicht sprachlich sind und deshalb mit verstandesmäßigen Methoden überhaupt nicht erreicht werden können.

So verstanden ist Kunst vergleichbar mit mystischer Praxis, deren Ziel und Ergebnis ebenfalls konkrete Erfahrungen sind. Diese beziehen sich vor allem auf den Einzelnen, sein Leben und seinen Bezug zur Welt. Der dort vorgezeichnete Weg verlangt eine Veränderung, Wachstum, Reifung: Auch hier ist der Weg des Helden erkennbar.

Obwohl z.B. der Zen-Buddhismus nicht eigentlich als Religion bezeichnet werden kann, ist der Weg des Helden doch deutlich als religiös erkennbar: Wer lebt, muß sterben; wie lebt man angesichts des Lebens und des Todes?

Mir scheint, große Kunst hat sich seit je mit dieser Frage beschäftigt und Antworten angeboten. Die Persönlichkeit des Künstlers und sein eigener Weg sind von seinem Werk natürlich untrennbar. Die Forderung nach Selbstverwirklichung gilt daher in besonderem Maße ihm.

Auf die Kunst und das Kunstverständnis der Gegenwart wollen diese Betrachtungen freilich nicht recht passen. Die Kälte und Leere der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation produziert auch in der Kunst Zynismus und Menschenverachtung. Die herrschende Kunst hat soviel Erfolg, weil sie die bestehenden Verhältnisse spiegelt, bejaht und festigt.

Unsere Zeit befindet sich jedoch im Umbruch. Die Werte verschieben sich rapide, und es könnte sein, daß ein Großteil der modernen Kunst bald absurd erscheinen wird, höchstens noch von historischem Interesse.

Kunst wirkt unmittelbar auf Herz, Bauch und Kopf. Die eigentlichen Werte der Kunst sind nicht beschreibbar und liegen nicht an der Oberfläche. Deshalb tut man gut, dem Tagesgeschrei zu mißtrauen, dem eigenen Gefühl zu folgen und ein eigenes Urteil zu entwickeln.

Nach so vielen Worten wünsche ich mir nun, das eine oder andere meiner Werke möge direkt zu Ihnen sprechen. Ich danke Ihnen für’s Zuhören.


 
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