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Papier   Klein   Alles        Breite No. 43     » Max     » 800 px     • 500 px      30x42 cm, Kugelschreiber / Papier


180 cm - 71 inch

12x17"


Nr. 43:  30x42 cm (12x17"), Kugelschreiber / Papier · 23.11.1973
     

  Kommentar   Simulation Wohnumgebung

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2014-06-26

Und noch einmal eine Variante - hier hat sich die Frau entspannt, sie liegt auf der Seite, schaut den Vorleser aber nicht an, sondern wendet den Blick ab ins Leere. Der Mann ist hier ebenfalls entspannter, wirkt weicher, und scheint ganz auf das Buch konzentriert und in seine Tätigkeit versunken zu sein.

Die Linien sind extrem einfach, schwung- und ausdrucksvoll. Der Ausdruck der beiden Gesichter ist mit minimalen Mitteln sehr präzise gesetzt. Die Linien erzeugen gleichzeitig Volumina, und zwar sowohl der Personen als auch des umgebenden Raumes. Der Mann sitzt vorne, die Frau etwas weiter hinten. Die Linienführung ist so virtuos, dass man jahrelange Übung vermuten könnte. Dabei habe ich nur losgelassen.

Es war gewissermaßen ein Trick, um mich selbst zu überlisten. Hatte ich zuvor verzweifelt um ein Thema gerungen und verschiedene Richtungen ausgelotet, die mir alle nicht zugesagten, hatte ich hier nichts zu verlieren. So ein Blatt Papier ist zwar auch nicht umsonst, aber doch so billig, dass man über den Verbrauch nicht nachdenken muss. Und Zeit hatte ich ohnehin, ich hätte sie mir jedenfalls genommen, und da diese Zeichnungen in Sekundenschnelle entstanden sind, konnte ich einen Haufen davon anfertigen.

Ich habe keine Ahnung, wie viele ich gemacht habe, aber es sind nur wenige erhalten. Möglicherweise gibt es gar nicht mehr, vielleicht habe ich aber auch einen Teil weggeworfen. Jedenfalls habe ich dieser ganzen Angelegenheit damals nicht viel Bedeutung zugemessen.

Ein paar Jahre später, als ich am Gymnasium Kunst unterrichtete, habe ich diesen Trick einmal in der Oberstufe angewandt, um die Schüler zu lockern. Ich habe ihnen alte Zeitungen hingeworfen, die noch weniger wert sind als unbeschriebenes Papier, und tatsächlich ließen sich die Schüler nach einer Weile darauf ein. Es dauerte gar nicht lange, bis interessante Bilder entstanden, die sie sich sicherlich nicht hätten ausdenken können. Man muss sich einfach fallenlassen und loslegen.

 Edwards: Garantiert zeichnen lernen. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
Das sagt sich so leicht, ist aber nicht wirklich einfach. » Betty Edwards hat in ihrem Buch » Garantiert zeichnen lernen. Das Geheimnis der rechten Hirn-Hemisphäre und die Befreiung unserer schöpferischen Gestaltungskräfte ebenfalls eine Reihe von Tricks entwickelt, um die Blockade durch die linke Gehirnhälfte zu überwinden und die rechte Gehirnhälfte übernehmen zu lassen, die genau weiß, wie es geht.

Die rechte Gehirnhälfte ist von Geburt an im Training. Wir erfassen unmittelbar Formen und Farben und ordnen diese Gegenständen, Stimmungen und Bedeutungen zu. Ohne diese Fähigkeit könnten wir unsere Umwelt nicht einschätzen, unsere Mitmenschen nicht verstehen, nicht mit ihnen fühlen, nicht auf sie eingehen. Die Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte sind höchst erstaunlich: Schon auf große Entfernungen erkennen wir bekannte Personen, minimalste Änderungen der Mimik und Gestik können präzise erfasst und verstanden werden, und zwar schon von kleinen Babys.

Um die rechte Gehirnhälfte mit ihren unglaublichen Fähigkeiten zum Zuge kommen zu lassen, wendet Betty Edwards unter anderem Tricks an. Sie nimmt beispielsweise ein Foto einer bekannten Persönlichkeit, die von jedermann sofort erkannt wird, und dreht diese auf den Kopf. Damit ist das Zusammenspiel zwischen linker und rechter Gehirnhälfte gestört. Die rechte kann das Foto nicht zuordnen und die linke hat infolgedessen keinen Begriff dafür. Die rechte sieht jetzt nur noch Formen und gegebenenfalls Farben. Will man das nun kopieren, gelingt einem das ohne weiteres, weil jetzt die linke Gehirnhälfte, die für diese unbekannten Formen keine Begriffe hat, nicht stören kann. Die rechte erfasst diese amorphen Phänomene sehr genau, ohne das üben zu müssen. Heraus kommt dann ein ziemlich ähnliches Porträt der bekannten Person, wenn man das Ergebnis wieder dreht.

Aus demselben Grunde empfiehlt sie, nicht die bekannten Begriffe zu malen, etwa ein Auge, sondern die Formen, die sich dadurch implizit ergeben, für die aber gar kein Begriff existiert, in diesem Fall das Weiße im Auge. Da diese Form die Negativform der Augenlider und der Iris ist, ergibt sich dadurch dieselbe Form, nunmehr aber wunderbar exakt. Es ist also sehr einfach, naturalistisch zu zeichnen, wenn man weiß, wie es geht: Man überlässt sich einfach der rechten Seite und lässt diese machen. Die weiß schon, wie die Formen auszusehen haben und hinterlässt ein ungutes Gefühl, wenn etwas nicht stimmt.

Soweit diese Theorie die realistische Wiedergabe betrifft, leuchtet sie ein. Was aber, wenn die Zeichnung gar nicht realistisch ist? Auch dort gibt es die klare Unterscheidung zwischen Ergebnissen, die ein ungutes Gefühl verursachen und solchen, die Wohlgefallen erregen. Soweit ich weiß, hat die Autorin sich mit nichtrealistischer Kunst nicht beschäftigt. Die Frage kann man sogar allgemeiner stellen: Wie ist es möglich, dass Abstraktionen überhaupt existieren können? Dass ein Strichmännchen für einen Menschen stehen kann, wäre mit Vergröberung erklärbar: Die wesentlichen Einzelheiten stehen für das Ganze. Die Abstraktion wird mit dem Konkreten assoziiert, das bekannt ist und dessen Bedeutung erfahren wurde. Das wäre also ein Akt der Erinnerung. Aber wie wird hier die Qualität beurteilt?


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Nachtrag Wohnungsszenario, 10.08.2011


No. 2 » 43 30x42cm, 23.11.1973  Ein Klick auf das Bild zeigt die Originalaufnahme. · © Copyright Werner Popken. 
Alle Kunstwerke / all artwork © CC BY-SA
No. 2 » 43 30x42cm, 23.11.1973
 
Ein Klick auf das Bild zeigt die Originalaufnahme.


» Nachher/vorher: einblenden. Ich werde immer besser: Wo es schon bei Zeichnung sehr schwierig ist, habe ich wenigstens die Simulation des Passepartout und des Rahmens verbessert. Im Originalfoto hängt über dem Stuhl eine Silhouette in einem schmalen Rahmen.




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